{"id":79515,"date":"2011-01-31T00:00:00","date_gmt":"2011-01-30T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/ahnung-eines-arabischen-fruehlings-die-ereignisse-in-tunesien-und-aegypten-sind-eine-dringend-notwendige-lektion-an-die-aussenpolitik-des-westens\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:17","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:17","slug":"ahnung-eines-arabischen-fruehlings-die-ereignisse-in-tunesien-und-aegypten-sind-eine-dringend-notwendige-lektion-an-die-aussenpolitik-des-westens","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/ahnung-eines-arabischen-fruehlings-die-ereignisse-in-tunesien-und-aegypten-sind-eine-dringend-notwendige-lektion-an-die-aussenpolitik-des-westens\/","title":{"rendered":"Ahnung eines arabischen Fr\u00fchlings: Die Ereignisse in Tunesien und \u00c4gypten sind eine dringend notwendige Lektion an die Aussenpolitik des Westens"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel \u2013<\/em><strong> Noch ist es zu fr\u00fch um abzusch\u00e4tzen, ob die Ereignisse in Tunesien und \u00c4gypten zu einer echten Demokratisierung in der arabischen Welt f\u00fchren werden. Aber sie sind Anlass, unsere Sicht auf die arabischen Gesellschaften gr\u00fcndlich zu korrigieren.<\/strong>\n\n<\/div>\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nSind die B\u00fcrgerproteste, die in Tunesien den Sturz des Regimes herbeigef\u00fchrt haben der Anstoss f\u00fcr einen Domino-Effekt? Sind sie der erste Akt in einer Zeitenwende, vergleichbar mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Blockes in Mittel- und Osteuropa im Jahre 1989?\n\nK\u00e4me es zu einer Reihe von Umst\u00fcrzen, an die sich wirklich freie Wahlen anschliessen w\u00fcrden, so w\u00e4re die Zeitenwende durchaus mit derjenigen von 1989 vergleichbar. Wie damals bedeutete sie das Ende eines jahrzehntelangen grunds\u00e4tzlichen Gegensatzes zweier grosser Staatenbl\u00f6cke und zweier grunds\u00e4tzlich unterschiedlicher Gesellschaftsmodelle zwischen denen \u2013 ob zu Recht oder zu Unrecht \u2013 seit dem Ende des kalten Krieges die M\u00f6glichkeit eines <em>clash of cultures <\/em>beschworen wurde, der vielen als ein ebenso apokalyptisches Szenario erschien wie zuvor die M\u00f6glichkeit eines dritten Weltkriegs.\n\n<strong>\u201eWir sind das Volk!\u201c<\/strong>\n\nAuf mindestens einen Staat ist der Funken nun \u00fcbergesprungen. In \u00c4gypten skandieren die Massen eine Parole, die aus Tunesien stammt: <em>\u201eAsh-shaab yurid iskat an-nizam!\u201c<\/em> \u2013 \u201eDas Volk will den Sturz des Systems!\u201c Die Parallele zum Kampfruf \u201eWir sind das Volk!\u201c, der sich 1989 von einer Hauptstadt des damaligen Ostblocks zur n\u00e4chsten fortpflanzte, ist augenf\u00e4llig. Und auch in \u00c4gypten scheint der Punkt \u00fcberschritten zu sein, von dem es noch einen R\u00fcckweg zur bisherigen Normalit\u00e4t gibt.\n\n<strong>Jahrzehnte voller R\u00fcckschl\u00e4ge<\/strong>\n\nDennoch w\u00e4re es im Moment noch verfr\u00fcht und pathetisch, von einem \u201eArabischen Fr\u00fchling\u201c zu sprechen. Niemand kann absch\u00e4tzen, ob in Tunesien die Transformation zu einem demokratischen Rechtsstaat tats\u00e4chlich gelingt, ob die \u00e4gyptische Bev\u00f6lkerung von einer blutigen Unterdr\u00fcckung ihrer Wut verschont bleibt und ob die Proteste auch in Jordanien, Jemen oder Algerien an Fahrt aufnehmen werden. Auch sollten die Erfahrungen aus der Zeitenwende von 1989 lehren, dass der Prozess der Demokratisierung nicht mit einigen geschichtstr\u00e4chtigen Tagen auf der Strasse abgeschlossen wird, sondern Jahrzehnte dauert, in denen es immer wieder zur R\u00fcckschl\u00e4gen kommt.\n\n<strong>\u201eF\u00fcr Demokratie ungeeignet\u201c<\/strong>\n\nDie Ereignisse in Tunesien und \u00c4gypten sollten jedoch gen\u00fcgen, nicht nur das Selbstverst\u00e4ndnis der arabischen Welt, sondern auch den g\u00e4ngigen Blick des Westens auf die Region gr\u00fcndlich zu korrigieren. So ist die Aussage, \u201eDie Araber sind nicht f\u00fcr Demokratie geschaffen\u201c, die ein Sprecher des Emirates Bahrain am WEF gemacht hat zwar zu explizit, als dass sie von einem Meinungsmacher der westlichen Welt stammen k\u00f6nnte. Doch gibt es keinen Zweifel daran, dass viele Akteure, die das Verh\u00e4ltnis des Westens zur arabischen Welt bisher gepr\u00e4gt haben, insgeheim ebenfalls davon ausgingen, dass Demokratie f\u00fcr die arabische Welt eine ungeeignete Gesellschaftsform sei. Bisher hat die westliche Aussenpolitik zwei m\u00f6glichen Alternativen f\u00fcr arabische Staaten erwogen: Entweder s\u00e4kul\u00e4re Tyrannen, deren Polizeistaaten zumindest Stabilit\u00e4t garantieren oder islamistische Volksbewegungen, die einen Gottesstaat errichten wollen und dem internationalen Terrorismus ein Refugium bieten w\u00fcrden. Besonders f\u00fcr \u00c4gypten, das im Nahostkonflikt bisher eine stabilisierende Rolle gespielt hat und eine zwar verbotene, aber starke islamistische Opposition hat, galt dieser Gegensatz. Doch auch im Fall Tunesiens war ein m\u00f6glicher Gottesstaat der Grund f\u00fcr den Westen, die Tyrannei zu st\u00fctzten. \u201eH\u00e4tten Sie denn an seiner Stelle lieber ein Taliban-Regime?\u201c, fragte Nicolas Sarkozy zur\u00fcck, als ihn ein Journalist fragte, warum er den Polizeistaat von Ben Ali st\u00fctze.\n\n<strong>Nicht bloss Fahnenverbrenner<\/strong>\n\nDass es den islamistischen Bewegungen in Tunesien und \u00c4gypten bisher nicht gelungen ist, die Dynamik des Aufstandes f\u00fcr sich zu vereinnahmen und dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dieser Staaten nicht bloss auf die Strasse gehen um \u2013 aufgehetzt von radikalen Imamen \u2013die Fahnen westlicher Staaten zu verbrennen, erteilt uns die \u00fcberraschende Lektion, dass die Bed\u00fcrfnisse dieser Menschen unseren Bed\u00fcrfnissen viel \u00e4hnlicher sind, als wir bisher bereit waren, anzunehmen. Genau wie wir w\u00fcnschen sie sich in erster Linie eine Arbeit, von der sie leben k\u00f6nnen und die M\u00f6glichkeit, ihren Kindern eine Zukunft zu bieten.\n\nDass uns diese Erkenntnis \u00fcberrascht, ist kein gutes Zeichen f\u00fcr die Einstellung, die wir fremden Gesellschaften gegen\u00fcber pflegen. Was unterscheidet Tunesier und \u00c4gypter von Ungaren oder Tschechen, denen man schon vor 1989 in Westeuropa ohne weiteres zugetraut hat, Demokratie und wirtschaftliche Prosperit\u00e4t zu wollen? Der Unterschied ist, dass sie uns fremder sind, und nicht dass sie ein schw\u00e4cheres Bed\u00fcrfnis oder eine schlechtere Veranlagung f\u00fcr Demokratie haben.\n\nF\u00fcr die Aussenpolitik des Westens gegen\u00fcber arabischen Staaten heisst das, dieselbe Lektion zu lernen, die auch die arabischen Staatschefs im Moment augenreibend zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen: Auch Freiheit z\u00e4hlt, nicht nur Stabilit\u00e4t.\n\nDie Zeiten, in denen arabische Staaten nur durch Autokraten nach Aussen vertreten waren und die Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung schlichtweg keine Rolle gespielt haben, sind vorbei.\n\nDer Luxemburgische Aussenminister Jean Asselborn sagte heute stellvertretend f\u00fcr alle EU-Aussenminister und leicht verwundert \u00fcber sich selbst: \u201eWir haben unseren Fokus immer auf die internationale Politik gesetzt. Und wir haben ein wenig vergessen, dass Menschen dort leben, die mitbestimmen wollen.\u201c\n\n<em>Stefan Schlegel lebt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration und ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog. <\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68605,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1823],"class_list":["post-79515","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-volkerrecht-multilateralismus"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79515"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79515"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}