{"id":79611,"date":"2012-02-23T00:00:00","date_gmt":"2012-02-22T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/die-festung-europa-ist-auf-sand-gebaut-was-der-arabische-fruehling-fuer-das-asylwesen-bedeutet\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:30","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:30","slug":"die-festung-europa-ist-auf-sand-gebaut-was-der-arabische-fruehling-fuer-das-asylwesen-bedeutet","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/die-festung-europa-ist-auf-sand-gebaut-was-der-arabische-fruehling-fuer-das-asylwesen-bedeutet\/","title":{"rendered":"Die Festung Europa ist auf Sand gebaut: Was der Arabische Fr\u00fchling f\u00fcr das Asylwesen bedeutet"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel<\/em> \u2013 <strong>Die neueste Eruption der Asyldebatte zeigt, wie stark die Asylpolitik von einem Machbarkeitswahn gezeichnet ist. Das Werweissen \u00fcber die L\u00e4nge der Asylverfahren vermittelt den falschen Eindruck, die hiesige Politik habe einen wesentlichen Einfluss auf die Zuwanderung \u00fcber das Asyl-System. Das Asyl-Jahr 2011 zeigt nun: Durch den Arabischen Fr\u00fchling ist die Festung Europa noch mehr zur Farce geworden.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<em>\u201eFreilich verraten gerade unsere gewaltigsten Pl\u00e4ne nicht selten am deutlichsten den Grad unserer Verunsicherung. So l\u00e4sst sich am Festungsbau gut zeigen, wie wir, um gegen jeden Einbruch der Feindesm\u00e4chte Vorkehrungen zu treffen, gezwungen sind, in sukzessiven Phasen uns stets weiter mit Schutzwerken zu umgeben, so lange, bis die Idee der nach aussen sich verschiebenden konzentrischen Ringe an ihre nat\u00fcrlichen Grenzen st\u00f6sst.\u201c<\/em><em> W.G. Sebald, Austerlitz <\/em>\n\nEuropa wendet in der Bek\u00e4mpfung irregul\u00e4rer Migration dieselbe Methode an, wie Amerika in der Bek\u00e4mpfung des Terrorismus: Die Grobarbeit wird ausgelagert an Staaten, deren Handlungsfreiheit nicht durch die Bindung an Grundrechte eingeschr\u00e4nkt ist. Nun, da die Tyrannen im Maghreb fehlen, merken wir das bei uns. Da vorl\u00e4ufig niemand mehr bereit ist, durchreisende Migrierende zusammenzutreiben und auf unbestimmte Zeit einzupferchen, reisen sie wieder durch. Die Festung Europa steht nicht in Lampedusa und am Evros, sondern in Mauretanien, in Tunesien und in Libyen. Sie verl\u00e4uft durch die Sahara und ist im doppelten Sinne auf Sand gebaut, wie der Arabischen Fr\u00fchling nun zeigt. Sie hing von instabilen Regimes ab. Im vergangenen Jahr haben die Asylgesuche um 45% zugenommen; im Januar 2012 wurden mehr als doppelt so viele Asylgesuche gestellt, wie im Januar 2011.\n\n<b>Zwei Fehler teilen alle<\/b>\n\nDie Reaktionen in Europa und in der Schweiz sind hysterisch und hilflos. Die Bundesverwaltung arbeitet am Flickwerk des Asylgesetzes weiter und scheint selber nicht recht zu glauben, dass damit eine ernsthafte Verk\u00fcrzung der Verfahren erreicht wird. Die FDP (und neuerdings auch der Bundesrat) wollen eine strikte Anbindung der Entwicklungszusammenarbeit an die R\u00fccknahme abgewiesener Asylsuchender, Christophe Darbellay m\u00f6chte Menschenrechte nicht l\u00e4nger \u201eals Ausrede\u201c h\u00f6ren (das heisst, er will durchgreifen, egal was das f\u00fcr die Menschenrechte bedeutet) und Rudolf Strahm r\u00e4t staatsm\u00e4nnisch: \u201eKlotzen nicht kl\u00f6tzeln.\u201c Er portiert damit den popul\u00e4ren Irrglauben, durch Entwicklungszusammenarbeit k\u00f6nne Migration verhindert werden. Allen Akteuren ist gemeinsam, dass sie zwei Fehleinsch\u00e4tzungen treffen: Sie untersch\u00e4tzen massiv die Vorteile, die Migration \u2013 auch irregul\u00e4re Migration \u2013 f\u00fcr die Betroffenen und deren Herkunftsstaaten hat und sie \u00fcbersch\u00e4tzen massiv die M\u00f6glichkeiten der Schweiz, Menschen effektiv vom Territorium des Landes zu entfernen.\n\nMigration ist der Express-Lift\n\nDie erste Fehleinsch\u00e4tzung f\u00fchrt zum recht naiven Glauben, dass einerseits potentielle Migrierende durch die Almosen der Schweiz von ihrem Vorhaben abgebracht werden k\u00f6nnten und zu Hause blieben. Noch fast blau\u00e4ugiger ist die Annahme, die Regierungen der Herkunftsstaaten liessen sich von der Drohung der Schweiz, die Entwicklungszusammenarbeit zu streichen, dermassen beeindrucken, dass sie ihre Migrierenden bereitwillig zur\u00fcckn\u00e4hmen.\n\nMigration ist der mit Abstand effizienteste soziale Aufzug. Sie gelingt nicht allen, aber wenn sie gelingt, ist Migration die einzige Strategie, innerhalb einer Generation den Sprung vom Habenichts zum Mittelstand zu schaffen. Auf diese Chance zu verzichten und stattdessen auf die langsamen, minimen und unsteten Fortschritte zu hoffen, die Entwicklungszusammenarbeit bewirken kann, w\u00e4re aus der Sicht der Migrierenden verantwortungslos. Sie haben auch nur ein Leben lang Zeit um auf einen gr\u00fcnen Zweig zu kommen.\n\nAuch Tunesier k\u00f6nnen rechnen\n\nErfolgreiche Migrierende k\u00f6nnen f\u00fcr ihren Herkunftsstaat zu einem wichtigen und zuverl\u00e4ssigen Entwicklungsfaktor und zu einer substanziellen Quelle f\u00fcr Haushaltseinkommen werden. In den meisten Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern, aus denen Menschen in die Schweiz migrieren, ist der R\u00fcckfluss von Geld der eigenen Auswandernden viel wichtiger als Entwicklungszusammenarbeit. Wer glaubt, die Herkunftsstaaten verzichteten auf dieses Geld, nur um den Hilfsgroschen der Schweiz nicht zu verlieren, unterstellt den Regierungen der Herkunftsstaaten, sie k\u00f6nnten nicht rechnen.\n\nF\u00fcr die Herkunfts- und Transitl\u00e4nder entsteht noch ein weiterer Vorteil durch das Dr\u00e4ngen ihrer Einwohner nach Europa: Verhandlungsmacht. Je mehr Menschen aus einem Land bei uns sind oder noch kommen k\u00f6nnten, desto gr\u00f6sser der Preis, der ein Herkunftsstaat f\u00fcr Kooperation aushandeln kann. Strategien, die in der Unterdr\u00fcckung von Migration auf die Mithilfe des Herkunftsstaates bauen, sind daher nicht nur problematisch, weil sie eine polizeiliche Kooperation mit einem Polizeistaat bedeuten, sondern auch weil westliche Staaten sich dadurch von der Willk\u00fcr eines Polizeistaaten abh\u00e4ngig machen.\n\nPechv\u00f6gel plagen\n\nDie zweite Fehleinsch\u00e4tzung besteht in der Ansicht, ein Staat k\u00f6nne Menschen physisch von seinem Territorium entfernen, wenn er nur wolle. Doch wer es einmal hinein geschafft hat in die l\u00f6chrige Festung Europa, muss Pech haben, um tats\u00e4chlich aus der M\u00fchle der Repression nicht mehr entrinnen zu k\u00f6nnen und nach Hause gebracht zu werden. Die Meisten k\u00f6nnen sich entziehen. Eine Versch\u00e4rfung repressiver Massnahmen hat in der Regel zwei Folgen: Sie beschleunigt das Untertauchen und sie trifft die Schw\u00e4chsten am h\u00e4rtesten.\n\nEs ist daher Zeit die Lehre zu ziehen: Die Festung Europa blockiert uns, die drinnen sind mehr als die, die von draussen kommen. Wir brauchen eine andere Taktik im Umgang mit Migration aus Drittstaaten. Welche?\n\n<em>Stefan Schlegel <\/em><em>wohnt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration und ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog.<\/em><em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1820],"class_list":["post-79611","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79611"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79611"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}