{"id":79693,"date":"2016-10-06T00:00:00","date_gmt":"2016-10-05T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/weltbank-spitze-ein-relikt-des-kalten-kriegs\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:42","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:42","slug":"weltbank-spitze-ein-relikt-des-kalten-kriegs","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/weltbank-spitze-ein-relikt-des-kalten-kriegs\/","title":{"rendered":"Weltbank-Spitze: Ein Relikt des Kalten Kriegs"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>Transparenz, gute Regierungsf\u00fchrung, Diversit\u00e4t und Chancengleichheit: Es sind Prinzipien, welche die Weltbank seit Jahrzehnten in dutzenden Entwicklungsl\u00e4ndern einfordert. Bei der Besetzung des eigenen Chefpostens spielen diese hehren Grunds\u00e4tze hingegen keine Rolle.<\/b>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nVergangene Woche wurde der Amerikaner Jim Yong Kim als Weltbank-Pr\u00e4sident vorzeitig wiedergew\u00e4hlt. Er setzt damit eine Tradition fort, die wie ein Relikt des Kalten Krieges wirkt. Seit die weltgr\u00f6sste Entwicklungsorganisation 1944 gegr\u00fcndet wurde, scheinen zwei Qualifikationen unstrittige Voraussetzung zu sein f\u00fcr die Belegung des einflussreichen Bank-Spitzenpostens: Alle zw\u00f6lf bisherigen Weltbank-Pr\u00e4sidenten besassen den amerikanischen Pass \u2013 und alle waren M\u00e4nner.\n\n&nbsp;\n\nNach dem Zweiten Weltkrieg, als die USA rund drei Viertel des Weltbank-Budgets stemmte, war die amerikanische F\u00fchrung noch erkl\u00e4rbar. Inzwischen aber ist die Bank l\u00e4ngst zur global operierenden Organisation geworden. Sie z\u00e4hlt 189 Mitgliedsstaaten, hat B\u00fcros in 120 L\u00e4ndern und ein 60-Milliarden-Dollar-Budget, zu dem die USA weniger als 20 Prozent beisteuern.\n\n&nbsp;\n\nDas amerikanische Abonnement auf die Weltbank-Spitze geriet seit den 90er-Jahren denn auch zunehmend in die Kritik, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern. 2011 wurden schliesslich neue Regeln zur leistungsbezogenen, offenen und transparenten Besetzung des Postens erlassen. Tats\u00e4chlich kandidierten ein Jahr sp\u00e4ter nebst Kim auch eine Nigerianerin sowie ein Kolumbianer f\u00fcrs wichtigste Amt der Entwicklungsbranche \u2013 vorerst ohne Erfolg.\n\n<b>Trotz Kritik gesetzt<\/b>\n\nDiese Entwicklung versprach jedoch einen spannenden Wahlkampf f\u00fcr 2017, wenn Kims erste Amtszeit endet. Dies galt umso mehr, weil die bisherige Leistung des Sohnes s\u00fcdkoreanischer Einwanderer h\u00f6chst umstritten war und er intern \u00e4usserst unbeliebt ist. Erst im August machte die Weltbank-Belegschaft mit einer un\u00fcblichen Massnahme gegen die Wiederwahl ihres Chefs mobil. In einem offenen Brief sprachen die Mitarbeitenden von einer \u201eF\u00fchrungskrise\u201c und wiesen auf die interne Unzufriedenheit, die mangelnde Transparenz bei der Besetzung des Chefpostens und die Dominanz der USA hin. Ihr Chef w\u00fcrde nicht anhand der \u00fcblichen Leistungskriterien gew\u00e4hlt, sondern in undurchsichtigen politischen Hinterzimmer-Deals bestimmt. \u201eDie Welt hat sich ver\u00e4ndert, auch wir m\u00fcssen uns \u00e4ndern. Sonst besteht das reale Risiko, auf internationaler B\u00fchne ein Anachronismus zu werden.\u201c\n\nBewirkt hat diese Kritik freilich nichts. Bis zur offiziellen Frist Mitte September hatten sich keine Gegenkandidaten gemeldet. Dabei sind sich viele Experten einig, dass der Gesundheitsspezialist und ehemalige Universit\u00e4tsrektor bei einer offenen Ausschreibung kaum Chancen auf eine Wiederwahl h\u00e4tte. \u201eSein Leistungsausweis w\u00fcrde hierf\u00fcr nicht ausreichen\u201c, meint etwa Paul Cadario, ein langj\u00e4hriger Kadermitarbeiter der Bank.\n\n<b>Make the World Bank great again?<\/b>\n\nDass Kim trotz interner Unzufriedenheit, fraglichem Leistungsausweis und F\u00fchrungsschw\u00e4che weitermachen darf, ist ein rein politischer Entscheid. Obwohl die Weltbank in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat, bleibt sie die m\u00e4chtigste Entwicklungsorganisation der Welt. Ihr Budget ist gleich gross wie der gesamte Schweizer Bundeshaushalt \u2013 oder wie die 20 kleinsten Volkswirtschaften Afrikas. In Entwicklungsl\u00e4ndern ist die Bank noch immer eine wichtige Investorin und eine einflussreiche Stimme. Die USA wird ihren F\u00fchrungsposten deshalb nicht kampflos aufgeben.\n\nPolitik und Macht vor Leistung und Qualifikation: Dieses Schema l\u00e4sst sich auch am Timing der Wiederwahl des Weltbank-Pr\u00e4sidenten erkennen. Obwohl Kims Amtszeit erst Mitte 2017 endet, wollte der Exekutivrat die Personalie bis sp\u00e4testens zur Weltbank-Jahrestagung Anfang Oktober regeln. Grund f\u00fcr das hastige Vorgehen sind die Wahlen in den USA im November. Kim wurde von Obama berufen (und ist sein regelm\u00e4ssiger Golfpartner); mit einer vorzeitigen Wiederwahl k\u00f6nnen die Demokraten vermeiden, dass die Wahl in die H\u00e4nde einer m\u00f6glichen Trump-Regierung f\u00e4llt.\n\n<b>Atlantischer Tauschhandel<\/b>\n\nDass sich die Europ\u00e4er nicht gegen solche Machtspiele der USA auflehnen, hat einen einfachen Grund: W\u00e4hrend die USA traditionellerweise den Weltbank-Spitzenposten belegen, stellen die Europ\u00e4er der informellen Regelung zufolge seit jeher den Chef des Internationalen W\u00e4hrungsfonds.\n\nDass jedoch auch die gewichtigen Schwellenl\u00e4nder China, Indien oder Brasilien keinen Gegenkandidaten stellen, hat auch mit einem gewissen Desinteresse zu tun. Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, S\u00fcdafrika) haben 2014 \u2013 auch infolge ihres geringen Einflusses in der Weltbank \u2013 die \u201eNew Development Bank\u201c gegr\u00fcndet, China hat unl\u00e4ngst die \u201eAsian Infrastructure Investment Bank\u201c etabliert. Damit verf\u00fcgen diese L\u00e4nder nun \u00fcber Institutionen, mit denen sie Entwicklungsprogramme nach eigenen Regeln aufgleisen k\u00f6nnen.\n\nF\u00fcr die \u00e4rmsten Bev\u00f6lkerungsschichten in Entwicklungsl\u00e4ndern, deren Wohl an sich im Zentrum der Entwicklungsbanken st\u00fcnde, sind dies keine guten Neuigkeiten. Die zunehmende Politisierung und Fragmentierung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit d\u00fcrfte ihnen kaum zugutekommen. Wenn Entwicklungsbanken als geopolitische Vehikel missbraucht werden und die kurzfristigen Machtinteressen der Geberstaaten \u00fcber dem Wohl der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder stehen, werden Sinn und Zweck der Entwicklungszusammenarbeit ad absurdum gef\u00fchrt.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68605,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-79693","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79693","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79693"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79693"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}