{"id":79704,"date":"2016-09-15T00:00:00","date_gmt":"2016-09-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/lasst-uns-mutig-und-visionaer-sein-so-wie-damals\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:43","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:43","slug":"lasst-uns-mutig-und-visionaer-sein-so-wie-damals","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/lasst-uns-mutig-und-visionaer-sein-so-wie-damals\/","title":{"rendered":"\u00abLasst uns mutig und vision\u00e4r sein \u2013 so wie damals!\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>Am 12. September 1848 trat die erste Bundesverfassung in Kraft \u2013 der Gr\u00fcndungsmoment des modernen Schweizerischen Bundesstaats. Im Rahmen der Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten des Vereins 12. September hielt\u00a0<i>foraus<\/i>-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Emilia Pasquier folgende Rede.<\/b>\n\n&nbsp;\n\n<\/div>\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nEin loser Staatenbund, zusammengehalten lediglich von einer Vielzahl einzelner Vertr\u00e4ge \u2013 ein ineffizientes und schwerf\u00e4lliges System. Keine einheitliche Rechtsgrundlage. Niemand geht gerne zu den gemeinsamen Sitzungen. Die einen h\u00e4ngen an der Idee eines \u00fcbergeordneten Systems, die anderen m\u00f6chten den Staatenbund am liebsten sofort verlassen. Jeder ist nur auf seine eigenen Vorteile bedacht; Streit und Eigenbr\u00f6tlertum sind an der politischen Tagesordnung. Einig sind sich alle einzig darin, dass das System nichts taugt. Was fehlt, ist eine gemeinsame Vision. 1847 kommt zum Krieg &#8211; liberale und konservative Kantone tragen ihre Unstimmigkeiten mit Waffengewalt aus.\n\nDass Eigenbr\u00f6tlertum der falsche Weg sei, hatte bereits 200 Jahre zuvor Johann Rudolf Wettstein gewarnt. Der Diplomat, der die alte Eidgenossenschaft 1647 bei den Verhandlungen zum Westf\u00e4lischen Frieden vertrat, soll geschrieben haben: \u00abEs gen\u00fcgt nicht, die H\u00e4nde in den Schoss zu legen; man muss sich in fremde H\u00e4ndel mischen und des Nachbars Haus l\u00f6schen helfen, um das seine zu erhalten.\u00bb Was machten wir Schweizer? Immerhin, wir besannen uns recht schnell. Nach 25 Kriegstagen und 150 Toten passierte etwas mutiges &#8211; man k\u00f6nnte sogar sagen, etwas vision\u00e4res: die Staaten rauften sich zusammen, dachten sich neu und konstituierten sich als Bundesstaat. In der gemeinsamen Verfassung wurden die Ideen der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der Gewaltenteilung und Freiheitsrechte verankert. Die kantonalen Z\u00f6lle wurden aufgehoben, die Aussenz\u00f6lle wurden vereinheitlicht und damit zur Haupteinnahmequelle des Bundes. Grundsteine f\u00fcr eine prosperierende Schweiz wurden gelegt. Die Bundesverfassung wurde zur Zauberformel f\u00fcr einen Frieden innerhalb der Schweiz, der bis heute andauert.\n\nGleichzeitig ist es auch der Startpunkt einer einheitlichen, koh\u00e4renten Schweizer Aussenpolitik. Es wird ein Aussen-Departement geschaffen; nach und nach entsteht ein weltumspannendes Netz aus Botschaften: Die Aussenbeziehungen werden institutionalisiert und die vormals fragmentierte Eidgenossenschaft wird zu einem anerkannten Akteur in Europa und der Welt. Und noch etwas wurde erreicht: Die Kantone verloren zwar ihre eigene Autonomie gegen\u00fcber den \u00abfremden, ausl\u00e4ndischen\u00bb M\u00e4chten \u2013 sie bewahrten sich aber gemeinsam ihre Unabh\u00e4ngigkeit, weil sie nach innen zusammenspannten. War das Schweizer Eigenbr\u00f6dlertum damit also \u00fcberwunden? Oder br\u00f6delten die Kantone nun gemeinsam weiter?\n\nDer Sprung in die Gegenwart scheint letzteres zu belegen: Der Bundesstaat ist zwar geeint, nach aussen l\u00e4sst er aber Solidarit\u00e4t vermissen. Mit der Masseneinwanderungsinitiative nous voulons avoir le beurre et l\u2019argent du beurre: Zugang zum Europ\u00e4ischen Binnenmarkt, aber keine Personenfreiz\u00fcgigkeit. Vor dem automatischen Informationsaustausch haben wir uns so lange gedr\u00fcckt, bis die USA intervenierten und der Schaden f\u00fcr uns noch gr\u00f6sser wurde. Im Rohstoffhandel sind wir weltweit f\u00fchrend. Aber wenn es darum geht, in den Produktionsl\u00e4ndern auf Menschenrechte zu achten oder minimale Umweltstandards einzuhalten, wollen wir es lieber gar nicht so genau wissen. Rosinenpickerei und Eigenbr\u00f6tlertum charakterisieren die Schweizer Aussenpolitik scheinbar noch immer. Wir versuchen uns m\u00f6glichst ohne Commitment irgendwie durchzuwursteln. Das hat bisher \u00fcberraschen gut funktioniert. Es geht der Schweiz blendend. Lag Johann Rudolf Wettstein also falsch? Kann es uns egal sein, ob es rund um uns herum brennt, solange wir genug Wasser parat haben, um unser eigenes Dach zu l\u00f6schen?\n\nIch glaube es w\u00e4re fatal, so zu denken. Die Schweiz hat im vergangenen Jahrhundert m\u00e4chtig davon profitiert, dass sich unsere Nachbarn selbst darum gek\u00fcmmert haben, ihre Br\u00e4nde zu l\u00f6schen. Nach Jahrhunderten des Krieges hat sich Europa nach 1945 in \u00e4hnlicher Weise zusammengerauft, wie die Schweiz 1848. Es gibt so etwas \u00e4hnliches wie eine europ\u00e4ische Verfassung, es gibt einen gemeinsamen Markt und es gibt auch eine gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik der EU. F\u00fcr lange Zeit schien es so, als ob unsere Nachbarn sogar an einem riesigen feuerfesten M\u00e4rchenschloss bauen w\u00fcrden, in dem es sich ganz Europa gem\u00fctlich machen k\u00f6nnte. Dass daraus so schnell doch nichts wird, wissen wir inzwischen. Die Briten wollen die EU schon wieder verlassen, die Osteurop\u00e4er haben grunds\u00e4tzlich etwas dagegen, ungebetene G\u00e4ste aus unsicheren Weltregionen ins Haus zu lassen. Und die s\u00fcdlichen Mitgliedsstaaten haben in Finanzfragen ein weniger gl\u00fcckliches H\u00e4ndchen bewiesen.\n\nWas bedeutet das f\u00fcr unsere heutige Aussenpolitik? Ich glaube, wir tun gut daran, die Brandgefahren in unserer Nachbarschaft im Auge zu behalten und sie nicht zu vergr\u00f6ssern. Ja, wir k\u00f6nnten nun versuchen mit Grossbritannien gemeinsame Sache zu machen und daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass die EU L\u00f6cher in die Personenfreiz\u00fcgigkeit bohrt. Dann k\u00f6nnten wir wom\u00f6glich unseren Marktzugang behalten und trotzdem die Zuwanderung so steuern, wie es uns beliebt. Ich bezweifle aber, dass uns damit langfristig gedient ist. Wenn die EU ihre Grundprinzipien aufweicht, wie viel Gemeinsamkeit bleibt Europa dann noch? Wie sicher k\u00f6nnen wir sein, dass es irgendwann nicht doch wieder in unserer Nachbarschaft brennt und unser Dach dann ebenfalls Feuer f\u00e4ngt? Oder global betrachtet: Wenn wir uns nicht darum k\u00fcmmern, die humanit\u00e4ren und \u00f6kologischen Probleme, die unserer Wirtschaft weltweit verursacht, zu verringern \u2013 wie sicher k\u00f6nnen wir sein, dass uns diese Probleme nicht sehr bald einholen?\n\n\u00abEs gen\u00fcgt nicht, die H\u00e4nde in den Schoss zu legen; man muss sich in fremde H\u00e4ndel mischen und des Nachbars Haus l\u00f6schen helfen, um das seine zu erhalten.\u00bb Ich bin der Meinung, Johann Rudolf Wettstein hat mit diesen Worten recht gehabt. Wir Schweizer haben am 12. September 1848 entschieden, dass wir nicht ein lockerer Staatenbund sein wollen, in dem jeder Kanton nur bis zum n\u00e4chsten H\u00fcgel denkt. Wir haben uns zusammengetan und miteinander ein grossartiges Land aufgebaut. Heute, am 12. September 2016 sollten wir uns daran erinnern, wie progressiv wir 1848 waren. Ich will nicht, dass meine Schweiz allein vor sich hinbr\u00f6delt. Ich m\u00f6chte, dass wir das Erbe von 1848 in der Schweizerischen Aussenpolitik weiterf\u00fchren. Weltoffenheit und Verantwortung \u00fcbernehmen \u2013 in Europa und in der globalisierten Welt, in der wir leben. Lasst uns also mutig und vision\u00e4r sein; wie damals. Denn die Geschichte zeigt: es kommt gut.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68605,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-79704","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79704"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79704"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}