{"id":79847,"date":"2013-08-19T00:00:00","date_gmt":"2013-08-18T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/berge-uhren-und-schokolade-wie-setzt-sich-die-schweizer-identitaet-zusammen\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:05","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:05","slug":"berge-uhren-und-schokolade-wie-setzt-sich-die-schweizer-identitaet-zusammen","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/berge-uhren-und-schokolade-wie-setzt-sich-die-schweizer-identitaet-zusammen\/","title":{"rendered":"Berge, Uhren und Schokolade: Wie setzt sich die Schweizer Identit\u00e4t zusammen?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Jonas Schmid<\/em>\u00a0<em>\u2013 <\/em><strong>Nationen sind Konstrukte, zusammengebastelt aus verschiedensten Elementen. Trotz Herkunfts- und blutsorientierter Mitgliederkontrolle, sch\u00e4tzen die Schweizer einen modernen Sprachen- und Kulturpluralismus. Dabei berufen sie sich nebst Schokolade und Bergen aber prim\u00e4r auf ganz andere Identifikations- und Identit\u00e4tsmerkmale.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<em>Mit diesem Beitrag wird die Blog-Reihe zum Verh\u00e4ltni<\/em><em>s zwischen der Schweiz und der EU fortgesetzt. Die Reihe versucht, den Ist-Zustand sowie Chancen und Risiken von k\u00fcnftigen Entwicklungen aufzuzeigen und zu gewichten.<\/em>\n\nWas kommt Dir, lieber Leser, als erstes in den Sinn wenn Du Dich fragst, was Schweizersein heisst? Ist es die Sprache, die Du sprichst? Oder die Berge, die Du als moderner, urbaner Mensch von Deinem Zimmerfenster aus leider nicht siehst, aber im Kopf hast? Oder denkst Du gar an die Cervelat, Schokolade oder Rivella?\n\nSelbst in der kleinsten Nation kann niemand alle pers\u00f6nlich kennen, trotzdem existiert im Kopf eines jeden die Vorstellung einer Gemeinschaft. Eine Nation ist daher eine \u201evorgestellte\u201c Gesellschaft, deren gemeinsame Identit\u00e4t mit Unpers\u00f6nlichem gef\u00fcllt werden muss. So dienen gemeinsame (bildliche und r\u00e4umliche) Repr\u00e4sentationen, die Organisation des Gemeinwesens, die Wirtschaft sowie die Medien als Platzhalter f\u00fcr die fehlenden Individualkontakte. Das Spektrum dazu ist breit: Es reicht von der Kuh auf der Bergweide zur Mikrotechnischen Fabrikation von High-Tech Uhren. Nur durch solche Bilder wird eine kollektive Solidarit\u00e4t, also eine Nation, erm\u00f6glicht.\n\nKommt nun eine supranationale Ebene wie die EU ins Spiel wird die Identit\u00e4t noch mehrschichtiger. Nebst einer Gemeinde-, Kantons- und nationalen Identit\u00e4t, hat die Supranationale einen sehr schweren Stand. Die EU hat es im Gegensatz zu ihren Mitgliedsstaaten noch nicht geschafft eine kollektive Solidarit\u00e4t aufzubauen, welche einer gleichwertigen Identit\u00e4t entsprechen w\u00fcrde.\n\nAlle Staaten enthalten Elemente eines herkunftsorientierten, ausschliessend homogenen Nationenverst\u00e4ndnisses und seinem Antipoden, dem inklusiven, ziel- und projektorientierten Willensnationskonzept. Die Schweiz hat z.B. eine strenge, blutsorientierte Einb\u00fcrgerungspraxis, ist aber im Aspekt der funktionierenden Multikulturalit\u00e4t und Mehrsprachigkeit sehr modern.\n\nGewiss kann die Schweiz nicht als kulturell-homogenes Gef\u00fcge verstanden werden, als Folge davon hat die Identit\u00e4t anderswo Fuss fassen m\u00fcssen. Meiner Meinung nach st\u00fctzt sie sich stark auf dem, was die Bev\u00f6lkerungsgruppen verbindet und was die Schweiz gleichzeitig vom Ausland abgrenzt: Das sind fast einzig und allein die Eigenheiten der Institutionen und der Polit-Kultur.\n\nDie vier auffallend stark in der Bev\u00f6lkerung verankerten Merkmale sind die direkte Demokratie, F\u00f6deralismus, Kollegialit\u00e4t und Konkordanz. Die Referendumsfeste Vernehmlassungen und ein kompliziertes System von kantonalen Mitspracherechten geh\u00f6ren ebenfalls zum Selbstverst\u00e4ndnis der Bev\u00f6lkerung. Laut dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas <em>\u201e[\u2026]tr\u00e4gt die direkte Demokratie dazu bei, aus Bev\u00f6lkerungsgruppen, die nur wenige gemeinsame Elemente haben, eine \u00d6ffentlichkeit zu bilden.\u201c<\/em>\u00a0Jene \u00d6ffentlichkeit <em>\u201e[\u2026] leitet die Zugeh\u00f6rigkeit zum Gemeinwesen nicht aus vorpolitischen Gemeinsamkeiten ab, sondern aus der freiwilligen, \u00fcberzeugten Zustimmung zu den zentralen Prinzipien liberaler Verfassungen und aus der m\u00f6glichst aktiven Beteiligung an einer vielf\u00e4ltigen politischen Praxis\u201c (Jan-Werner M\u00fcller).<\/em>\u00a0Dieser Verfassungspatriotismus ist der Kernpunkt des politischen Schweizerseins. Es ist daher klar, dass jegliches R\u00fctteln an den traditionellen politischen Prinzipien grosse Wellen wirft \u2013 sei es bei der Diskussion um den Integrationsgrad der Schweiz \u00a0mit der EU oder bei der SVP-Initiative zur Volkswahl des Bundesrates.\n\nSicherlich geh\u00f6ren \u00a0die idyllische, saftige Bergmatte, wie auch die Schokolade, K\u00e4se und die Uhrenfabrikation (etc.) zum Bild des Schweizerseins. Diese Bilder sind aber weit davon entfernt einzigartig zu sein, denn zum Beispiel kennt \u00d6sterreich das Bild der Alpwiese auch und Belgien ist auch stolz auf dessen Schokolade. In der Realit\u00e4t reduziert die individualistische Lebensweise von Schweizern den gemeinsamen Nenner an repr\u00e4sentativ Schweizerischem auf jene Dinge, welche die Bev\u00f6lkerung im Alltag zu Sozial- und Loyalit\u00e4tspartnern macht. Und das sind schlussendlich nur die staatsweiten Institutionen.\n<div>\n\n<em><strong>Jonas Schmid\u00a0<\/strong> macht einen Master in Vergleichender Internationaler Politik an der ETH Z\u00fcrich und lebt in Bern.<\/em>\n\n<\/div>\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungnahmen der Autoren\/innen Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-79847","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79847","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79847"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79847"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79847"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79847"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}