{"id":79887,"date":"2014-03-26T00:00:00","date_gmt":"2014-03-25T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/wenn-die-denkfalle-zuschnappt-eine-liberale-replik-an-professor-eichenberger\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:11","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:11","slug":"wenn-die-denkfalle-zuschnappt-eine-liberale-replik-an-professor-eichenberger","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/wenn-die-denkfalle-zuschnappt-eine-liberale-replik-an-professor-eichenberger\/","title":{"rendered":"Wenn die Denkfalle zuschnappt: Eine liberale Replik an Professor Eichenberger"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>Wenn die Schweiz als wirtschaftlich und sozial prosperierende Gesellschaft weiter bestehen will, ist es unabdingbar, die Zusammenh\u00e4nge einer globalen Wirtschaft zu erkennen und die n\u00f6tigen Schl\u00fcsse daraus zu ziehen. Eine Replik auf den in der Weltwoche vom 20. M\u00e4rz 2014 erschienenen Essay von Prof. Reiner Eichenberger.<\/b>\n\n&nbsp;\n\n<\/div>\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n\u201eDie Liberalen in der Denkfalle\u201c \u2013 Reiner Eichenberger kommt in seinem Weltwoche-Essay zum Schluss, Personenfreiz\u00fcgigkeit sei ein sozialistisches und antiliberales Konzept und die Analogie zum Freihandel falsch. Herr Eichenberger, welche Denkfalle? Es gibt keine falschen Analogien zwischen Freihandel und Personenfreiz\u00fcgigkeit. Die beiden Ph\u00e4nomene erg\u00e4nzen \u2013 nein, bedingen \u2013 sich. Und Personenfreiz\u00fcgigkeit ist bestimmt kein sozialistisches, sondern ein zutiefst liberales Konzept. Heimatsbewahrende Standpunkte \u00e0 la Eichenberger sind kein dienliches Instrument um komplexe Ph\u00e4nomene wie die Personenfreiz\u00fcgigkeit zu verstehen. Ein paar Ausschnitte davon:\n\n<b>Pro-Kopf-Einkommen<\/b>\n<blockquote>\u201eDer Freihandel [&#8230;] erh\u00f6ht das Pro-Kopf-Einkommen. Personenfreiz\u00fcgigkeit [&#8230;] erh\u00f6ht ganz analog das gesamtwirtschaftliche Einkommen, aber eben bei steigender Einwohnerzahl.\u201c<\/blockquote>\nWer wandert in die Schweiz ein? H\u00e4ufig gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte. Eine bessere Ausbildung f\u00fchrt zu h\u00f6herer Produktivit\u00e4t und einem h\u00f6heren Lohn. (wer w\u00fcrde sonst noch zur Schule gehen). Dies legt die Vermutung nahe, dass eine Netto-Einwanderung das Pro-Kopf-Einkommen der Schweiz erh\u00f6ht. Und selbst wenn nicht: Erstens ist die simple Beobachtung, dass das Pro-Kopf-Einkommen in der Schweiz stagniert, nicht aussagekr\u00e4ftig. Die Frage der Kausalit\u00e4t ist ungekl\u00e4rt; niemand weiss, ob das Pro-Kopf-Einkommen ohne Zuwanderung nicht gefallen w\u00e4re. Zweitens macht eine wirtschaftlich isolierte Betrachtung der Schweiz keinen Sinn im europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum. Auf europ\u00e4ischer Ebene bringt die Personenfreiz\u00fcgigkeit dank einer effizienteren Allokation des Produktionsfaktors Arbeit fraglos ein Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-image\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<i>Reiner Eichenberger, Professor f\u00fcr Finanzwissenschaft an der Universit\u00e4t Freiburg<\/i>(Bild: Hannes R\u00f6st, Wikimmedia Commons,\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\" rel=\"nofollow noopener\">Lizenz<\/a>)\n\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3475 size-full\" src=\"http:\/\/test.foraus.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/800px-Reiner_Eichenberger_2010.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"535\" \/>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<b>\u201eFalsche\u201c Steueranreize<\/b>\n<blockquote>\u201e[&#8230;] richtig gerechnet hat die Schweiz ein Nettoverm\u00f6gen von wohl weit mehr als 200 Milliarden. [&#8230;]. Die Ertr\u00e4ge aus diesem Nettoverm\u00f6gen fliessen in allgemeine staatliche Einnahmet\u00f6pfe. Dadurch sind die Steuern f\u00fcr Durchschnittsverdiener in der Schweiz deutlich tiefer als im Ausland, was die Zuwanderung vor allem von Durchschnittsverdienern anzieht\u201c<\/blockquote>\nDie Steuern sind in der Schweiz tiefer als im Ausland. Aber nicht aufgrund des erw\u00e4hnten \u201eNettoverm\u00f6gens\u201c, sondern trotz diesem. Staatliches Verm\u00f6gen in Form von \u00f6ffentlichen Unternehmen, Immobilien, Boden, usw. ist keine Schweizer Eigenheit. Jeder Staat besitzt solches. Ehemalige Aristokratien und Kolonialm\u00e4chte (z.B. Frankreich und Grossbritannien) haben davon weit mehr als die Schweiz. Trotzdem liegen die Steuern in diesen L\u00e4ndern deutlich \u00fcber den Steuers\u00e4tzen in der Schweiz. Wir k\u00f6nnten also dar\u00fcber diskutieren, ob die Schweiz die Steuern anheben m\u00fcsste, wenn wir die Einwanderung einschr\u00e4nken wollten. Die Beobachtung, die Schweiz ziehe mit ihrem Steuerregime \u201eDurchschnittsverdiener\u201c an, ist aber in jedem Fall falsch. Die Schweiz zieht mehrheitlich bildungsstarke Arbeitskr\u00e4fte im \u00fcberdurchschnittlichen Lohnsegment an.\n\n<b>Sozialistisch? Woher denn!<\/b>\n<blockquote>\u201eDiese Aufteilung der Verm\u00f6gensertr\u00e4ge auch unter die Zuwanderer verletzt die Eigentumsrechte der bisherigen Einwohner. Die Personenfreiz\u00fcgigkeit ist deshalb [&#8230;] ein sozialistisches Programm [&#8230;].\u201c<\/blockquote>\nHeutige Staatsb\u00fcrger haben kein Eigentumsrecht auf historisch gewachsenen Staatsbesitz. Dies ist etwa so absurd, wie zu behaupten, die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der Elfenbeink\u00fcste sei eine Enteignung der franz\u00f6sischen Staatsb\u00fcrger gewesen. Diese Vorstellung ist antiliberal, nationalistisch und gef\u00e4hrlich. In einer liberalen Welt kann das Individuum selbst entscheiden, wo es sich niederl\u00e4sst und arbeitet. Die Personenfreiz\u00fcgigkeit ist demzufolge ein liberales Instrument, welches die staatliche Kontrolle einschr\u00e4nkt.\n\n<b>Die Sache mit der Symmetrie\u2026<\/b>\n<blockquote>\u201e[&#8230;] bringt die Personenfreiz\u00fcgigkeit allen beteiligten Regionen Vorteile, wenn die Wanderung einigermassen symmetrisch ist und etwa gleich viele Menschen ein- wie auswandern.\u201c Weiter sinngem\u00e4ss: Die Personenfreiz\u00fcgigkeit innerhalb der Schweiz funktioniert, weil alle Kantone nationalen Gesetzen unterstellt sind.<\/blockquote>\nSymmetrisch argumentieren heisst statisch argumentieren. Wir leben aber nicht in einer statischen Welt! In Zukunft kann sich auch die Schweiz wieder in ein Auswanderungsland verwandeln, wie sie es vom 16. bis in die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts war, und wir werden froh sein um eine Personenfreiz\u00fcgigkeit mit umliegenden Staaten. Reiner Eichenberger argumentiert an der Realit\u00e4t vorbei. Auch der Wanderungssaldo zwischen Kantonen ist nicht symmetrisch. Zudem stimmt auch das Argument mit den nationalen Gesetzen nur bedingt: gerade in der Steuerpolitik bestehen erhebliche Unterschiede.\n\n<b>Her mit dem Dichtestress<\/b>\n<blockquote>\u201eUnd die Behauptung, die St\u00e4dter h\u00e4tten den gr\u00f6ssten Dichtestress ist einfach falsch. Die Ver\u00e4nderungen in den St\u00e4dten waren [wegen der dort weniger schnell als im Schweizer Durchschnitt wachsenden Bev\u00f6lkerung] viel kleiner als in ihren Agglomerationen und in vielen Landgemeinden.\u201c<\/blockquote>\nProfessor Eichenberger rechnet mit der Wohnbev\u00f6lkerung, dabei ist heute weit wichtiger, wo jemand arbeitet: Man spricht nicht umsonst von \u201eZentrumslasten\u201c \u2013 eine Stadt muss Infrastruktur, Restaurants, Bahnh\u00f6fe, \u00d6V, Gymnasien, Universit\u00e4ten etc. f\u00fcr weit mehr als nur die Stadtbev\u00f6lkerung bereitstellen. F\u00fcr jeden Arbeitsplatz h\u00e4lt sich eine Person in der Stadt auf. Und hier sieht das Bild ganz anders aus: Der Dichtestress ist in den St\u00e4dten viel gr\u00f6sser als im Schweizer Durchschnitt. Von Anfang 2007 bis Ende 2013 nahmen die Arbeitspl\u00e4tze in Z\u00fcrich um 8.7% und in Genf um 10% zu, w\u00e4hrend der Schweizer Durchschnitt nur 6.8% betrug. Abgesehen davon: Ein grosser Teil des sogenannten Dichtestresses r\u00fchrt daher, dass sich die durchschnittliche Wohnfl\u00e4che pro Schweizerin und Schweizer im letzten Jahrzehnt enorm vergr\u00f6ssert hat.\n\nDie Personenfreiz\u00fcgigkeit findet in urbanen Gebieten gr\u00f6sseren Zuspruch. Wieso? Durchmischung f\u00f6rdert Akzeptanz. Seien wir doch ehrlich: Wie langweilig w\u00e4re das Leben in der Schweiz doch, wenn wir in Z\u00fcrich nur \u201eZ\u00fcrigschn\u00e4tzlets\u201c, in St. Gallen nur Olma-Bratw\u00fcrste und in Bern nur eine Berner Platte essen k\u00f6nnten. Durchmischung schafft Innovationsgeist, sie schafft Vielfalt und sie schafft Verst\u00e4ndnis f\u00fcr globale Zusammenh\u00e4nge. All dies einzuschr\u00e4nken, um weniger volle S-Bahnen zu haben, ist ein sehr kurzsichtiger Blick auf eine immer komplexere Welt.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-79887","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79887"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79887"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}