{"id":79923,"date":"2013-10-03T00:00:00","date_gmt":"2013-10-02T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/im-zeitalter-der-erbsenzaehler-die-reaktion-von-alliance-sud-auf-die-new-data-revolution\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:15","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:15","slug":"im-zeitalter-der-erbsenzaehler-die-reaktion-von-alliance-sud-auf-die-new-data-revolution","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/im-zeitalter-der-erbsenzaehler-die-reaktion-von-alliance-sud-auf-die-new-data-revolution\/","title":{"rendered":"IM ZEITALTER DER ERBSENZ\u00c4HLER: DIE REAKTION VON ALLIANCE SUD AUF DIE NEW DATA REVOLUTION"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Nina Schneider &#8211;<\/em>\u00a0<strong>Ja, Noemi Schramm: Daten sind wichtig. Aber es reicht nicht, endlich auch die \u00abvergessenen\u00bb \u00c4rmsten dieser Welt zu erfassen. Um diese einzubeziehen braucht es nicht prim\u00e4r eine Flut neuer Daten mit internationaler Vergleichbarkeit, sondern Respekt und die Kunst, direkte Fragen zu stellen und zuzuh\u00f6ren.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n\u201eMeasure, what you treasure\u201c \u2013 oft genug wird dieser Leitspruch ins Gegenteil verdreht. Gez\u00e4hlt wird, was messbar ist und sich in Kuchengrafiken darstellen l\u00e4sst. Dies gilt auch in der Entwicklungszusammenarbeit.\n\nWas Daten bringen und was nicht, haben gerade wir Frauen zur Gen\u00fcge erfahren. Die \u00a0systematische und umfassende Diskriminierung musste erst mit unz\u00e4hligen Daten bewiesen werden, ehe sie den Weg auf die Agenda internationaler Verhandlungen fand. Erst die detaillierte Erfassung von unbezahlter Haus- und Pflegearbeit konnte belegen, dass neben Bildung und Gesundheit auch Zeit eine Ressource ist, die \u00fcber gesellschaftlichen Ein- und Ausschluss entscheidet. Bloss: Die Erfassung der Geschlechterungleichbehandlung hat \u00fcber die Jahre riesige Apparate und zahllose ExpertInnen hervorgebracht, ohne dass sich die Lage f\u00fcr einen Grossteil der Frauen grundlegend verbessert h\u00e4tte. Viele der gewonnenen Erkenntnisse stellen die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse grundlegend in Frage. Wahrscheinlich tauchen sie gerade deshalb eher in Analysen und Berichten auf, denn in j\u00e4hrlichen Gemeinde- oder Staatsbudgets.\n\n<strong>Grobschl\u00e4chtige Vereinfachung<\/strong>\n\nWeltweit messen Regierungen ihre Entwicklung in Form von Wirtschaftsleistung und Mehrwert, also rein monet\u00e4r. Keiner der vielen Versuche, Wohlstand umfassender zu betrachten, hat sich durchgesetzt, weder der Human Development Index noch der Bruttonationalgl\u00fccksindex aus Bhutan. Eine neue Daten-Revolution tut also Not. Ob aber das High Level Panel (HLP), das die UNO in der inhaltlichen Gestaltung der Post-2015-Agenda unterst\u00fctzt, mit ihrer Revolution tats\u00e4chlich qualitative Faktoren wie Umweltgerechtigkeit und Menschenrechte aufwerten will und kann, bleibt abzuwarten.\n\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.forausblog.ch\/wp-content\/uploads\/erbsenzaehler.jpg\" alt=\"\" \/>\n\n<em>Erbsenz\u00e4hlen reicht nicht, um \u201eEntwicklung\u201c zu messen.<\/em>\n\nWas eine Reform in Sachen Statistik leisten sollte, hat Noemi Schramm am Beispiel der Armutsbek\u00e4mpfung ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert. Dass der Ruf nach vollst\u00e4ndigen und stabileren Daten auch eine problematische Seite hat, schimmert in ihrem Text lediglich durch.\n\nNat\u00fcrlich k\u00f6nnen Ziele nur realisiert und eingefordert werden, wenn man sie auf klar definierte Unteretappen herunterbricht und festlegt, wer beg\u00fcnstigt werden soll. Aber aufgepasst, die Erfassung benachteiligter Gruppen alleine b\u00fcrgt noch nicht daf\u00fcr, dass deren Bed\u00fcrfnisse und ihr Wissen auch tats\u00e4chlich in die Erhebungen einfliessen. Statistiken suchen nicht nach Diversit\u00e4t, im Gegenteil, oft steht die grobschl\u00e4chtige Vereinfachung im Zentrum \u2013 im zweifelhaften Interesse einer weltweiten Vergleichbarkeit von an sich kaum vergleichbaren Daten. Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gesundheit, Bildung, Wasser oder Rechten zwischen Landlosen, SlumbewohnerInnen oder Urwaldv\u00f6lkern komplizieren die Statistik und werden darum lieber ausgeblendet.\n\n<strong>Datenneutralit\u00e4t gibt es nicht<\/strong>\n\nJede Erhebung ist interessensgeleitet. Ist dieses Interesse politischer Natur, fragt es nach Kosteneffizienz und Impact. Und die Folgen gleichen sich: Die Datenerfassung verlangt b\u00fcrokratischen Aufwand auf Kosten von qualitativem Inhalt. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit leistet die Qualit\u00e4tsmessung einer B\u00fcrokratisierung Vorschub, die einen erheblichen Budgetanteil verschluckt. Gleichzeitig verleitet der Erfolgsdruck MitarbeiterInnen auf allen Ebenen der Hierarchie dazu, die Erhebungen im Sinne der Auftraggeber zu sch\u00f6nen.\n\n\u00abGlaube keiner Statistik, die du nicht selber gef\u00e4lscht hast\u00bb, mahnen diejenigen, die sich der grundlegend ungleichen Machtverh\u00e4ltnisse in der Forschung bewusst sind. Dieser Generalverdacht ist keineswegs unbegr\u00fcndet. Wie die j\u00fcngste Studie der EvB zu den Medikamentenversuchen der Schweizer Pharmaindustrie zeigt, entscheiden die AuftraggeberInnen, welche Erkenntnisse \u00abrelevant\u00bb sind und ver\u00f6ffentlicht werden. Was nicht beliebt, f\u00e4llt unter den Tisch. Die Menschen hinter den Zahlen erhalten keinen Zugriff zu \u00abihren\u00bb Daten und k\u00f6nnen sich nicht gegen falsche Darstellungen wehren. Im Klartext heisst das, wer eine Studie in Auftrag gibt hat Macht und sucht in erster Linie nach denjenigen Antworten, welche eine \u2013 meist gar nicht kommunizierte \u2013These erh\u00e4rten und nicht nach dem, was das Bild st\u00f6rt.\n\nSelbst wenn wir den StatistikerInnen der Entwicklungszusammenarbeit beste Absichten zubilligen, ihre Datenreihen bleiben solange von beschr\u00e4nktem Wert als sie ohne aktive Beteiligung der Direktbetroffenen entworfen und erhoben werden. Zu h\u00e4ufig sehen auch EntwicklungsexpertInnen Menschen, die vom \u00f6konomisierten Alltag ausgeschlossen sind, vor allem als Kosten- und St\u00f6rfaktoren, oder gar als Sicherheitsrisiko. Deren Initiativen und Strukturen werden als potentiell ordnungsgef\u00e4hrdend gesehen, weil sie als informelle T\u00e4tigkeiten am Fiskus vorbei eigene Netzwerke bilden. Sie liegen im Dunkeln und werden als Beitrag an die Gesamtgesellschaft kaum honoriert.\n\n<strong>Fazit<\/strong>\n\nNat\u00fcrlich kann man den Erfolg einer neuen Entwicklungsagenda nur erfassen, wenn man Fortschritte auch misst. Wir sind gespannt, auf welchen Messgr\u00f6ssen die Indikatoren beruhen werden. Nat\u00fcrlich ist der Zugang zu Geld, Wasser, Nahrung, Gesundheit und Bildung wichtig und auch messbar. Das entbindet uns aber nicht davon, Massnahmen zur Verwirklichung von qualitativen Zielen zu suchen, die nicht wie Erbsen z\u00e4hlbar sind. Beispiele sind die Verwirklichung von Gerechtigkeit, ad\u00e4quaten und gesunden Wohn-, L\u00e4rm- und Luftverh\u00e4ltnissen, Zeit oder Gl\u00fcck. Es ist zu w\u00fcnschen, dass sie mangels harten Daten nicht erneut aus dem Blickfeld der Wohlstandsmessung verschwinden.\n\n<em><strong>Nina Schneider\u00a0<\/strong>ist bei Alliance Sud verantwortlich f\u00fcr internationale Entwicklungspolitik.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungnahmen der Autoren\/innen Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1953],"class_list":["post-79923","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","custom-themes-internationale-zusammenarbeit-entwicklung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79923"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79923"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}