{"id":79945,"date":"2014-06-10T00:00:00","date_gmt":"2014-06-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/faschismus-nationalismus-und-die-logik-des-buergerkriegs-in-der-ukraine\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:19","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:19","slug":"faschismus-nationalismus-und-die-logik-des-buergerkriegs-in-der-ukraine","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/faschismus-nationalismus-und-die-logik-des-buergerkriegs-in-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Faschismus, Nationalismus und die Logik des B\u00fcrgerkriegs in der Ukraine"},"content":{"rendered":"\n<b>Nationalismus und Faschismus gleichzusetzen ist nur ein kleiner Schritt f\u00fcr den Zeitungsleser, doch ein gro\u00dfer Schritt f\u00fcr die russische Propaganda. Ist die politische Rechte der Ukraine wirklich anders oder gef\u00e4hrlicher als diejenige in Europa oder Russland?<\/b>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nB\u00fcrgerkriege sind so brutal, weil die Front mitten durch eine Gesellschaft verl\u00e4uft. Das soziale Gef\u00fcge zerf\u00e4llt pl\u00f6tzlich in Alliierte und Feinde. Die meisten Menschen jedoch sind erst bereit auf andere zu schie\u00dfen, nachdem diese \u00fcber lange Zeit einer \u00f6ffentlichen Entmenschlichung unterzogen wurden. Eine Gruppe, die am Ausbruch eines bewaffneten Konfliktes interessiert ist, entwickelt deshalb eine Propagandasprache, die k\u00fcnftige Feinde ihrer Menschlichkeit beraubt und damit auch ihrer Eigenschaften als Nachbarn, Kollegen, Freunde, Verwandte etc. Bevor es 1994 in Ruanda zum V\u00f6lkermord kam, sch\u00fcrte die Radiostation \u201emille collines\u201c monatelang den Hass auf Tutsi und gem\u00e4\u00dfigte Hutu. Die zuk\u00fcnftigen Opfer wurden gemeinhin als \u201eKakerlaken\u201c bezeichnet. In der Ukraine m\u00fcssen wir nun beobachten wie die Bezeichnung \u201eFaschist\u201c die Funktion der Entmenschlichung \u00fcbernimmt.\n\nIn der ehemaligen Sowjetunion nimmt der Zweite Weltkrieg einen sehr prominenten Platz in der Rezeption der Geschichte ein. Das ist nachvollziehbar, denn kein anderes Land hatte so viele Opfer zu beklagen wie die Sowjetunion. Das Trauma der faschistischen Verbrechen, genauso wie der Stolz sie \u00fcberwunden zu haben, ist Teil einer immer gegenw\u00e4rtigen Erinnerungskultur. In der Ukraine geh\u00f6rten zum Faschismusdiskurs auch immer die Ukrainische Aufstands Armee (UPA), die in den 40er Jahren einen Guerillakrieg gegen die Rote Armee f\u00fchrte und sich am Massenmord an Juden und Polen beteiligte. Ihr bekanntester Anf\u00fchrer hie\u00df Stepan Bandera, daher die Bezeichnung \u201eBanderovci\u201c f\u00fcr die ukrainischen Faschisten.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-image\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3693 size-full\" src=\"http:\/\/test.foraus.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Fashistskomu-zveru-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"213\" \/><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<i>\u201eDie faschistische Bestie entkommt ihrer Strafe nicht!\u201c Montage aus einem sowjetischen Plakat von 1942 und einer UPA-Flagge, herumgereicht auf der social media Seite Vkontakte (quelle: vk.com)<\/i>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nEine allgemein akzeptierte Definition von Faschismus gibt es nicht, daf\u00fcr wurde der Begriff schon zu fr\u00fch zu beliebig verwendet. Nach der Macmillan Enzyklop\u00e4die der Sozialwissenschaften ist Faschismus prim\u00e4r das politische System Italiens von 1922-45. Au\u00dferdem wird der Begriff als Prototyp des Totalitarismus verwendet, f\u00fcr politische Systeme die jenem Italiens gleichen. Verbindende Merkmale waren extremer Nationalismus, Antikommunismus und das Ablehnen einer parlamentarischen Demokratie. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat der Begriff \u201eFaschismus\u201c in der russischen Umgangssprache jedoch ein unerfreuliches Eigenleben entwickelt. Die Tendenz geht dahin, dass mittlerweile fast jede politische \u00c4u\u00dferung, die sich gegen den Kreml richtet als \u201efaschistisch\u201c bezeichnet werden kann. Als die Stadtverwaltung der estnische Hauptstadt Tallin 2007 ein sowjetisches Soldatendenkmal versetzen lie\u00df, lief im russischen Fernsehen eine w\u00fctende Kampagne gegen die \u201eestnischen Faschisten\u201c an, getragen von der Jugendorganisation der Kremlpartei \u201eEiniges Russland\u201c.\n\nSeit es im Dezember letzten Jahres in Kiev zu Demonstrationen gegen die korrupte Janukovi\u010d-Regierung kam, war die Bezeichnung Faschist wieder in aller Munde, nicht nur in russischen Medien, sondern auch bei einigen westlichen Beobachtern. So kritisierte etwa der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2014\/jan\/29\/ukraine-fascists-oligarchs-eu-nato-expansion\" rel=\"nofollow noopener\">Guardian<\/a>\u00a0bereits im Januar durchaus zurecht die Berichterstattung \u00fcber den Maidan, \u00fcbernahm dabei aber auch die fatale Faschismusrhetorik. Mitten in einer ansonsten treffenden Analyse der Situation in der Ostukraine schreibt auch die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/1416\/ukraine\/auf-wen-wollt-ihr-denn-schiessen\" rel=\"nofollow noopener\">WOZ<\/a>\u00a0\u00fcber die prorussischen Separatisten, sie seien eine soziale Bewegung gegen den Faschismus. Es gibt nichts daran zu deuteln, auf dem Maidan standen viele Nationalisten und die zahlreichen schwarzroten UPA-Flaggen verrieten, dass Rechtsradikale mitdemonstrierten. Doch die Masse der Demonstranten war nicht von einer faschistischen Vision getrieben. Sie tr\u00e4umten nicht vom F\u00fchrerprinzip, nicht von einer militaristischen Gesellschaft und nicht von der Abschaffung der Demokratie.\n\n<b>Von Faschisten und Banderovci<\/b>\n\nDie Demonstranten auf dem Maidan und die von ihnen an die Macht gebrachte \u00dcbergangsregierung als \u201eFaschisten\u201c und \u201eBanderovci\u201c zu bezeichnen, verzerrt nicht nur die Erinnerung an die Verbrechen der Faschisten, sie macht aus ihnen auch entmenschlichte Kriegsfeinde. Es w\u00e4re viel pr\u00e4ziser die Maidan-Bewegung und die neue ukrainische Regierung als Nationalisten verschiedener Abstufungen zu betrachten, was eigentlich schon schlimm genug ist. Das Problem dabei; ein Nationalismus ist dem anderen nicht vorzuziehen. Da Putin sich selbst zunehmend nationalistische Erg\u00fcsse erlaubt und seine europ\u00e4ischen Bewunderer sich offen zu dieser Ideologie bekennen, eignet sich \u201eNationalismus\u201c kaum mehr als verunglimpfende Bezeichnung. Ukrainische Nationalisten kollektiv als Faschisten zu bezeichnen f\u00fchrt zu dem falschen Eindruck sie seien ideologisch gef\u00e4hrlicher als russische, schweizerische oder franz\u00f6sische Nationalisten, die in nationalen- und EU-Wahlen triumphieren. Es ist eine \u00dcbernahme der russischen Propagandasprache, die nahe legt, die neue ukrainische Regierung k\u00f6nne nur mit Waffengewalt davon abgehalten werden, die Verbrechen der faschistischen Angreifer von 1941 zu widerholen.\n\nDie Au\u00dfenpolitik Europas und der Schweiz muss sich nun an den schmalen Grat der Vernunft halten, zwischen der russischen Faschismus-Hysterie und einer tats\u00e4chlich problematischen Vision eines kulturell und sprachlich homogenen ukrainischen Nationalstaates. Die neue ukrainische Regierung sollte darin unterst\u00fctzt werden, das Gewaltmonopol im Land wiederherzustellen. Danach aber sollten die westlichen Partner die ukrainische Regierung darauf dr\u00e4ngen, kulturelle Unterschiede im Land nicht l\u00e4nger als Bedrohung zu behandeln und sie mit administrativen Mitteln einzuebnen. Stattdessen sollte das Land eine f\u00f6derale Struktur erhalten und eine Verfassung die ganz klar anerkennt, dass die Ukrainer eines von vielen V\u00f6lkern sind, die in der Ukraine leben und Ukrainisch eine von mehreren Sprachen, die dort gesprochen werden. Leider weisen k\u00fcrzlich abgehaltene Wahlen und Abstimmungen in der Schweiz und in Europa eher darauf hin, dass auch bei vielen europ\u00e4ischen W\u00e4hlern die Formel eine-Kultur-pro-Land hartn\u00e4ckig festsitzt.\n\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68605,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1817],"class_list":["post-79945","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-frieden-sicherheit"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79945","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79945"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79945"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79945"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79945"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}