{"id":79954,"date":"2017-11-03T00:00:00","date_gmt":"2017-11-02T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/die-unterdrueckte-muslimin-von-der-ueberheblichkeit-der-ersten-welt\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:20","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:20","slug":"die-unterdrueckte-muslimin-von-der-ueberheblichkeit-der-ersten-welt","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/die-unterdrueckte-muslimin-von-der-ueberheblichkeit-der-ersten-welt\/","title":{"rendered":"\u00abDie unterdr\u00fcckte Muslimin\u00bb: von der \u00dcberheblichkeit der ersten Welt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Seit Anfang Oktober gilt nach zahlreichen anderen europ\u00e4ischen Staaten nun auch in \u00d6sterreich ein Verh\u00fcllungsverbot. In der Schweiz wurde im September die Volksinitiative \u00abJa zum Verh\u00fcllungsverbot\u00bb des Egerkinger Komitees eingereicht. Mit dem sogenannten Burkaverbot geht es den Initiantinnen und Initianten selbstredend um die Befreiung der muslimischen Frau. Die Debatte rund um das Verh\u00fcllungsverbot krankt insbesondere an zwei Dingen: an dem, was der postkoloniale Feminismus als \u00ab\u00dcberheblichkeit der ersten Welt\u00bb bezeichnet und, daraus folgend, an der Negation jeglicher Handlungssouver\u00e4nit\u00e4t der verschleierten muslimischen Frau.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier das aufgekl\u00e4rte, emanzipierte, frauen- und schwulenfreundliche Europa, dort der r\u00fcckst\u00e4ndige, frauen- und schwulenfeindliche Islam. Um dieses Argumentationsmuster, in der Theorie als Femo- bzw. Homonationalismus [1] oder auch als Ethnosexismus [2] bezeichnet, kommt man in der Debatte um ein Verh\u00fcllungsverbot nicht herum. Dabei wird \u00abder Westen\u00bb mit seiner \u00abfreiheitlichen, abendl\u00e4ndischen Gesellschaftsordnung\u00bb wahlweise als Bastion der Frauen- oder Schwulenrechte inszeniert, welche es zu erhalten und gegen die \u00abmuslimischen Migranten\u00bb zu verteidigen gilt. Entsprechend m\u00fcssen muslimische Frauen sowohl in Afghanistan als auch in der Schweiz von ihren Burkas (lies: von ihren muslimischen M\u00e4nnern) befreit werden. W\u00e4hrend die Befreiung der muslimischen Frau dort mitunter den Krieg seit 2001 rechtfertigt, sollen es hier das 2009 beschlossene Minarett- und nun auch das Verh\u00fcllungsverbot richten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der aktuellen Debatte um das Burkaverbot kommt es zu widerspr\u00fcchlich anmutenden Allianzen. Da sitzen im Initiativkomitee einerseits alte M\u00e4nner der SVP, so weit so uninteressant. Da sitzt aber auch die Feministin Julia Onken, die sich bereits als prominente feministische Stimme f\u00fcr das Minarettverbot stark gemacht hat. Und schliesslich sind da sowohl linke als auch b\u00fcrgerliche Politikerinnen und Politiker sowie Musliminnen wie Sa\u00efda Keller-Messahli und Seyran Ate\u015f, die sich ebenfalls im Namen der unterdr\u00fcckten Muslimin f\u00fcr ein Burkaverbot (also deren \u00abBefreiung\u00bb) aussprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschlechterpakt und Bauchrednertum<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Postkoloniale und intersektionale Perspektiven des Feminismus wie beispielsweise jene von Gabriele Dietze zum Ethnosexismus werfen den feministischen Bef\u00fcrworterinnen und Bef\u00fcrwortern eines Verh\u00fcllungsverbots vor, sich damit auf einen \u00abGeschlechterpakt\u00bb mit dem hiesigen \u00abPatriarchat\u00bb einzulassen: Die westliche Frau wird im \u00f6ffentlichen Diskurs als bereits emanzipiert inszeniert \u2013 und verzichtet im Gegenzug auf nervende Gerechtigkeits- und Gleichheitsk\u00e4mpfe. Julia Onken und Alice Schwarzer werden durch ihre Kritik am \u00aborientalischen Patriarchat\u00bb von \u00abfeministischen Schreckgespenstern\u00bb zu \u00abgefragten Expertinnen\u00bb. Durch die Kontrastierung mit der \u00aborientalischen Frau\u00bb verlieren sie jedoch ihre Konfliktf\u00e4higkeit gegen\u00fcber der \u00abeigenen\u00bb unvollendeten Emanzipation \u00abzu Hause\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Friedensvertrag auf Kosten der Muslimin ist denn auch ein guter Deal f\u00fcr \u00abheimische Patriarchen\u00bb: man(n) entledigt sich der \u00abFrauenfrage\u00bb, indem man sie als alleiniges Problem des \u00aborientalischen Patriarchats\u00bb darstellt. Dar\u00fcber hinaus ist die inszenierte vollendete Emanzipation der westlichen Frau auch ein willkommener Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse der Gender und Queer Studies: Das Ziel ist erreicht, ihr k\u00f6nnt aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frauen wie Onken und Keller-Messahli kommt dabei die Rolle der \u00abzertifizierten Expertinnen\u00bb zu, die \u00abvon der Betroffenenseite her\u00bb argumentieren. Man(n) l\u00e4sst die vermeintlichen Gegnerinnen (Feministinnen) und die \u00abAnderen\u00bb (Musliminnen) sprechen, um \u00abden eigenen Text zu versenden\u00bb. Dass es sich dabei um \u00abdominanzkulturelles Bauchrednertum\u00bb handelt, manifestiert sich in der Omnipr\u00e4senz dieser Stimmen in den Medien sowie im \u00f6ffentlichen Diskurs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Negierte Handlungssouver\u00e4nit\u00e4t<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Emanzipationsdiskurs und die ihm zugrundeliegende \u00ab\u00dcberheblichkeit der ersten Welt\u00bb vereinen die unterschiedlichen Stimmen f\u00fcr ein Verh\u00fcllungsverbot. Diese \u00dcberheblichkeit verweigert allen Frauen, die Kopftuch oder Schleier tragen, den \u00abBesitz und die Aus\u00fcbung von Handlungssouver\u00e4nit\u00e4t\u00bb, also von agency. Dies wird daran deutlich, dass in der Debatte um ein Verh\u00fcllungsverbot fast immer davon ausgegangen wird, dass Kopftuch oder Schleier unm\u00f6glich freiwillig getragen werden k\u00f6nnten. In den Worten des Initiativkomitees: \u00abKein freier Mensch verh\u00fcllt sein Gesicht\u00bb. Wohlwollend wird von der Verh\u00fcllung als Folge der Sozialisierung, anmassend (oder eben: \u00fcberheblich) gar von einer \u00abGehirnw\u00e4sche\u00bb gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unvorstellbar ist hingegen, dass die Verh\u00fcllung Ausdruck einer selbstbestimmten, reflektierten Haltung sein kann. Dass sie, wie Dietze ausf\u00fchrt, gar Ausdruck einer \u00abneuen islamischen Weiblichkeit\u00bb sein k\u00f6nnte, die sich \u00absowohl gegen den Entwurf der traditionellen Weiblichkeit\u00bb, als auch gegen die Definition einer \u00abh\u00f6her und besser definierten, modernen [westlichen] Weiblichkeit\u00bb richtet, oder etwa auch eine \u00abverk\u00f6rperte Kritik der Sexualisierung und Verobjektivierung von Frauenk\u00f6rpern\u00bb darstellen k\u00f6nnte (siehe Bild), diese Vorstellung hat in der bin\u00e4ren Logik von \u00abbefreit (westlich) vs. unterdr\u00fcckt (muslimisch)\u00bb keinen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">#IamMyOwnGuardian<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als vor kurzem bekannt wurde, dass Saudi-Arabien das Fahrverbot f\u00fcr Frauen aufheben wird, verwies die saudische Frauenrechtlerin Manal al-Sharif in einem Tweet bereits auf eine weitere Forderung: Mit dem Hashtag #IamMyOwnGuardian wehren sich saudische Frauen gegen die gesetzlichen \u00abguardianship\u00bb-Bestimmungen, welche zahlreiche Aktivit\u00e4ten der Frauen von der Zustimmung eines m\u00e4nnlichen \u00abguardian\u00bb abh\u00e4ngig machen. Mit diesem Hashtag sagen sich die Frauen von ihren m\u00e4nnlichen \u00abBesch\u00fctzern\u00bb los und beharren auf ihrer Selbstbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass \u00abausgerechnet saudische\u00bb (lies: unterdr\u00fcckte, da muslimische) Frauen dem \u00abemanzipierten Westen\u00bb in Erinnerung zu rufen scheinen: \u00dcber den K\u00f6rper, die Kleidung und das Auftreten einer Frau entscheidet nicht der Ehemann, nicht der Vater, nicht das Egerkinger Komitee, nicht westliche Feministinnen oder liberale Musliminnen und auch nicht die demokratische Mehrheit \u2013 kurz: keinerlei selbsternannte \u00abBefreier\u00bb. #IamMyOwnGuardian.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Femonationalismus: \u00abdie Indienstnahme feministischer Argumente f\u00fcr rassistische Positionen\u00bb, siehe Sara Farris: Femonationalismus \/ Jasbir Puar: Homonationalism<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[2] Ethnosexismus: \u00abeine Art von Kulturalisierung von Geschlecht, die ethnisch markierte Menschen aufgrund ihrer angeblich besonderen, problematischen oder \u201ar\u00fcckst\u00e4ndigen\u2018 Sexualit\u00e4t oder Sexualordnung diskriminiert\u00bb, siehe Dietze: Ethnosexismus<\/p>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1826],"class_list":["post-79954","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-gender-diversity"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79954"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79954"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}