{"id":80006,"date":"2018-07-24T00:00:00","date_gmt":"2018-07-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/der-mazedonische-knoten\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:29","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:29","slug":"der-mazedonische-knoten","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/der-mazedonische-knoten\/","title":{"rendered":"Der mazedonische Knoten"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<strong>Nach mehr als 25 Jahren Streit scheint sich eine Einigung abzuzeichnen: Aus FYROM soll Nord-Mazedonien werden. Der Konflikt mag von aussen skurril anmuten, ist aber f\u00fcr Griechen und Mazedonier alles andere als banal: Es geht um Fragen der Identit\u00e4t, der nationalen Selbstbestimmung und um das historische Erbe. F\u00fcr die griechische Regierung kommt die Vereinbarung zu einem g\u00fcnstigen Moment. Ob sie tats\u00e4chlich umgesetzt werden kann, ist noch nicht sicher: Nationalisten in beiden L\u00e4ndern laufen dagegen Sturm. <\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nWer den als unl\u00f6sbar geltenden Gordischen Knoten l\u00f6sen konnte, der w\u00fcrde Herrscher \u00fcber Asien werden, so die Sage. Alexander der Grosse, K\u00f6nig der Makedonen und unbezwungener Feldherr, machte auf seinem Zug nach Persien kurzen Prozess und durchschnitt den Knoten mit einem Schwerthieb \u2013 der Weg nach Osten und zu ewigem Ruhm stand ihm so offen.\n\nGem\u00e4ss einer anderen, weniger popul\u00e4ren Version soll Alexander den Knoten mit einem Kniff gel\u00f6st haben. Die antike Sage zeigt auf, dass verzwickte Probleme auf zwei Arten gel\u00f6st werden: Entweder durch rohe Kraft, oder durch List.\n\n<strong>Zuspruch im Ausland, Widerstand zu Hause<\/strong>\n\nMit einer Mischung aus Durchsetzungskraft und Schlauheit scheint nun Alexis Tsipras einen Knoten gel\u00f6st zu haben, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert die griechische Politik umtrieb und viel diplomatisches Kapital beanspruchte. Der griechische Ministerpr\u00e4sident hat sich damit aussenpolitisch als Pragmatiker und innenpolitisch als gewiefter Stratege bewiesen. Mit der sozialdemokratischen Regierung von Zoran Zaev fand sich auch auf mazedonischer Seite ein Gespr\u00e4chspartner, der die L\u00f6sung des Problems als Priorit\u00e4t einstufte.\n\nDie Opposition wirft dem Ministerpr\u00e4sidenten einen diplomatischen Alleingang vor, da er zu keinem Zeitpunkt die \u00fcbrigen Parteien in die Verhandlungen einbinden wollte und die Einigung trotz aller Widerst\u00e4nde durchstierte. Vordergr\u00fcndig stimmt der Vorwurf, wirkt aber angesichts der notorischen Obstruktionspolitik aller relevanten Parteien \u2013 allen voran der konservativen <em>Nea Dimokratia<\/em> \u2013 heuchlerisch. So oder so: Tsipras ist damit nun endg\u00fcltig zur Hassfigur der griechischen Nationalisten avanciert. Und da sich solche im gesamten politischen Spektrum des Landes finden, wird ihm dieser aussenpolitische Sieg bei den n\u00e4chsten Wahlen durchaus Stimmen kosten.\n\n<strong>Positive Entwicklungen f\u00fcr Griechenland<\/strong>\n\nDie Einigung kommt zu einem g\u00fcnstigen Zeitpunkt f\u00fcr die griechische Regierung. Nach den gescheiterten Zypern-Verhandlungen vom letzten Jahr brauchte <em>Syriza<\/em> einen substanziellen aussenpolitischen Erfolg, um ihr Narrativ aufrechterhalten zu k\u00f6nnen, wonach Griechenland eine \u00abS\u00e4ule der Stabilit\u00e4t\u00bb in der Region sei. Die griechische Aussenpolitik und Diplomatie hat in den letzten Krisenjahren stark gelitten, scheint sich jedoch langsam zu erholen: Diplomatische Vorst\u00f6sse im Balkan und eine engere Kooperation mit \u00c4gypten, Israel und Zypern in Sicherheits- und Energiefragen \u00a0weisen auf eine aktivere Gestaltung der griechischen Aussenpolitik \u2013 nat\u00fcrlich auch mit Blick auf den zunehmend unberechenbarer gewordenen Nachbar T\u00fcrkei.\n\nZu den politischen Entwicklungen kommen auch positive Anzeichen aus der Wirtschaft hinzu: Der Tourismus boomt, erneut wird mit einem Rekordjahr gerechnet. Die makro\u00f6konomischen Daten stimmen etwas zuversichtlicher, auch wenn Griechenland wirtschaftlich noch lange nicht \u00fcber den Berg ist. Die Absicht der Regierung, nach dem Abschluss des dritten Hilfsprogramms keine weitere Unterst\u00fctzung anzufordern, soll signalisieren, dass das Land wieder auf den eigenen F\u00fcssen stehen kann. Mit grossen Worten und viel Pathos wurde in Br\u00fcssel und Athen das neue Zeitalter eingel\u00e4utet. Auch wenn die Griechen in den n\u00e4chsten zwei Jahren mit neuen Sparrunden und K\u00fcrzungen konfrontiert werden: Es wird ein Narrativ aufgebaut, wonach Griechenland die schlimmen Krisenjahre hinter sich gelassen hat und nun frischen Mut sch\u00f6pfen kann.\n\n<strong>\u00abEine historische Chance und ein diplomatischer Sieg\u00bb<\/strong>\n\nDas Momentum scheint sich tats\u00e4chlich auf der Seite von <em>Syriza<\/em> zu befinden. In Stein gemeisselt ist allerdings noch nichts: Die wirtschaftliche Lage bleibt fragil, die Einigung \u00fcber Nord-Mazedonien hat in beiden L\u00e4ndern noch erhebliche H\u00fcrden zu \u00fcberwinden. Sowohl Tsipras wie auch Zaef haben jedoch aus dem Ausland bereits viel Lob erhalten: Der EU- und NATO-Beitritt des kleinen Landes sind in erreichbarer N\u00e4he ger\u00fcckt, zweifellos eine bedeutende Entwicklung f\u00fcr den stark fragmentierten Staat. Damit wird Griechenland seinem eigenen Anspruch, der Integrationsmotor der Region zu sein, ein St\u00fcckchen mehr gerecht.\n\nIn Zeiten rhetorischer Aufr\u00fcstung auf globaler Ebene ist die Einigung zudem auch ein Hoffnungsschimmer von hoher symbolischen Wirkung: Zwischenstaatliche Streitigkeiten k\u00f6nnen eben durchaus im Dialog gel\u00f6st werden, selbst in konflikttr\u00e4chtigen Regionen wie im Balkan und entgegen nationalistischer Widerst\u00e4nde. Tsipras sprach von einem \u00abdiplomatischen Sieg\u00bb \u2013 ganz gewiss handelt es sich auch um einen Sieg der Diplomatie. Mit der n\u00f6tigen Dosis an Durchsetzungsverm\u00f6gen und Intellekt l\u00e4sst sich jeder Knoten l\u00f6sen.\n\n<\/div>\nImage: Gem\u00e4lde von Jean-Simon Berth\u00e9lemy (1743 &#8211; 1811) &#8211;\u00a0<a href=\"https:\/\/goo.gl\/kypMe7\" rel=\"nofollow noopener\">Wikimedia<\/a>\n\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68646,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-80006","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80006","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80006"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80006"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80006"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80006"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}