{"id":80111,"date":"2020-04-24T08:46:23","date_gmt":"2020-04-24T06:46:23","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/die-agenda-2030-als-pandemiepraevention-oder-warum-die-kuerzung-von-entwicklungsgeldern-auch-aus-eigeninteresse-eine-schlechte-idee-ist\/"},"modified":"2026-08-11T10:50:21","modified_gmt":"2026-08-11T08:50:21","slug":"die-agenda-2030-als-pandemiepraevention-oder-warum-die-kuerzung-von-entwicklungsgeldern-auch-aus-eigeninteresse-eine-schlechte-idee-ist","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/die-agenda-2030-als-pandemiepraevention-oder-warum-die-kuerzung-von-entwicklungsgeldern-auch-aus-eigeninteresse-eine-schlechte-idee-ist\/","title":{"rendered":"Die Agenda 2030 als Pandemiepr\u00e4vention \u2013 oder: Warum die K\u00fcrzung von Entwicklungsgeldern auch aus Eigeninteresse eine schlechte Idee ist"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auf den Link zwischen der Zerst\u00f6rung der Biodiversit\u00e4t und einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr weitere Pandemien wie der Corona-Krise wurde zuletzt h\u00e4ufig hingewiesen. \u201eDie Corona-Krise zeigt auch, dass die Menschheit an einem Wendepunkt steht: sie muss die verbliebenen Naturr\u00e4ume bewahren, vor allem die tropischen W\u00e4lder mit ihrer ungeheuren Artenvielfalt \u2013 auch zu ihrem eigenen Schutz\u201c, schrieb beispielsweise die NZZ. Und selbst die Weltwoche urteilte, \u201edass die Gesundheit des Menschen ohne ein ebenso gesundes \u00d6kosystem nicht gew\u00e4hrleistet werden kann\u201c. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrere Staaten haben sich als Folge an den Weltbiodiversit\u00e4tsrat IPBES gewandt, um in der Pandemie-Pr\u00e4ventionspolitik Unterst\u00fctzung zu erhalten. Der Schutz der Biodiversit\u00e4t an Land ist eines von 17 Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung, auf welche sich die Vereinten Nationen geeinigt haben \u2013 die sogenannte Agenda 2030.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span lang=\"DE\">Dass es zum Schutz vor Pandemien neben dem Biodiversit\u00e4tsschutz weitere<\/span><span class=\"gmail-MsoCommentReference\"><span lang=\"DE\"><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/span><\/span><span lang=\"DE\">Massnahmen brauche, wurde ebenfalls immer wieder beschrieben. <\/span>So k\u00e4men laut dem US-Virologen und WEF Young Global Leader Nathan Wolfe Subsistenzj\u00e4ger, also f\u00fcr den eigenen Lebensunterhalt jagende Personen, nur deshalb mit gef\u00e4hrlichen tierischen Viren in Kontakt, weil individuell f\u00fcr sie das Ansteckungsrisiko geringer sei als die Gefahr, ihre Familien nicht ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Sind derartige Viren einmal auf Menschen \u00fcbertragen, wie dies in der Vergangenheit mehrmals der Fall war (neben dem Coronavirus beispielsweise beim Ebolavirus), k\u00f6nnen sich Pandemien wiederholen. Dies kann dann Auswirkungen auch auf die Schweizer Gesellschaft und Wirtschaft haben. Dass man J\u00e4gern bei Massnahmen wie dem Verbieten von Wildm\u00e4rkten eine Alternative bieten m\u00fcsse, auch damit solche Massnahmen nicht durch verst\u00e4rkten illegalen Handel als Folge kontraproduktiv werden, wurde auch von Elizabeth Maruma Mrema, der Exekutivsekret\u00e4rin der UN-Biodiversit\u00e4tskonvention, bekr\u00e4ftigt. Eine Hauptherausforderung hier ist die Armut im globalen S\u00fcden, deren Bek\u00e4mpfung sich ebenfalls in mehreren Zielen der Agenda 2030 widerspiegelt. Im Sinne der Pr\u00e4vention weiterer Pandemien sollten diese Ziele also vermehrt angegangen werden. Genau das Gegenteil ist die Strategie der SVP: diese fordert die Halbierung der Entwicklungsgelder f\u00fcr den Zeitraum 2021-2024. Gelder, deren explizites Ziel die Armutsbek\u00e4mpfung ist. Paradoxerweise begr\u00fcndet die SVP ihre Forderung ausgerechnet mit der aktuellen Corona-Krise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch kommen wir zur\u00fcck zur Biodiversit\u00e4t: deren schlechter Zustand birgt im Hinblick auf potenzielle zuk\u00fcnftige Pandemien verschiedene Risiken. Wenn die nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume von Wildtieren, also m\u00f6glichen \u00dcbertr\u00e4gern von Viren, durch Monokulturen schrumpfen, n\u00e4hern sich diese vermehrt Plantagen und menschlichen Siedlungen. Daran sind wir in Europa nicht ganz unschuldig. So hat auch die Schweiz im letzten Sustainable Development Report der Bertelsmann Stiftung und des UN Sustainable Development Solutions Network UNSDSN beim Indikator \u201eimported biodiversity threats\u201c die Note \u201emajor challenges\u201c erhalten. \u201eInternational trade drives biodiversity threats in developing nations\u201c betitelten Professor Manfred Lenzen und Kolleginnen und Kollegen bereits 2012 eine Studie, welche sie in <em>Nature<\/em>, einer der beiden einflussreichsten naturwissenschaftlichen Zeitschriften, ver\u00f6ffentlichten. Der Schutz der Biodiversit\u00e4t ist entsprechend kein alleiniges Problem der Umweltpolitik \u2013 L\u00f6sungsans\u00e4tze k\u00f6nnen sich auch im Handels- und Investitionsrecht finden. M\u00f6gliche aktuelle und zuk\u00fcnftige Pfade sind unter anderem Sustainability Assessments im Vorfeld von Freihandelsvertr\u00e4gen, Konditionalit\u00e4ten und entsprechende Umsetzungsmechanismen in Freihandelsvertr\u00e4gen, Provisionen zur Vereinbarkeit mit Umweltabkommen in Investitionsschutzabkommen (siehe Artikel 15(3) des \u00abSADC Model Bilateral Investment Treaty Template\u00bb) oder seitens Schiedsgerichten eine verst\u00e4rkte Nutzung von Artikel 31(3)(c) des \u00abWiener \u00dcbereinkommen \u00fcber das Recht der Vertr\u00e4ge\u00bb, welcher das Ber\u00fccksichtigen von Umweltrecht in Investitionsstreitfragen erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Massnahmen, welche auf der Nachfrage-Seite ansetzen, k\u00f6nnen vielversprechend sein. Den entgegengesetzten Weg schl\u00e4gt der Schweizer Bauernverband ein. Und wie auch die SVP begr\u00fcndet er seine Forderungen ausgerechnet mit der Corona-Krise. Als Antwort auf die geplante Agrarreform des Bundesrats, welche strengere \u00f6kologische Anforderungen an die Landwirtschaft stellt (z.B. mehr Fl\u00e4chen f\u00fcr Artenvielfalt), will der Bauernverband stattdessen die Inlandproduktion steigern. Was auf den ersten Blick nachvollziehbar klingt (denn die Produktion im Ausland kann ebenso ihre T\u00fccken haben, siehe vorheriger Absatz), ist auf den zweiten Blick kontraproduktiv: Die Auslandsabh\u00e4ngigkeit nehme laut dem Think-Tank <em>Vision Landwirtschaft<\/em> bei einer h\u00f6heren Inlandproduktion nicht ab, sondern zu, insbesondere was den Import von Kraftfutter betrifft. Nicht zu vergessen sind weitere Nachteile \u2013 so wurde die Agrarreform des Bundesrats, welche dem Bauernverband zu weit geht, vom Agrarexperten Urs Niggli in einem NZZ-Interview als \u00abSchr\u00e4ubchen drehen\u00bb bezeichnet, also als nicht ausreichend. Probleme wie der Verlust der Artenvielfalt, die \u00dcberd\u00fcngung und der Klimawandel blieben laut ihm ungel\u00f6st (und liessen sich ihm zufolge am besten mit einer Reform der Ern\u00e4hrungspolitik bew\u00e4ltigen, w\u00e4hrend auch Volksinitiativen wie die\u00a0 Initiative \u00abF\u00fcr sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung \u2013 Keine Subventionen f\u00fcr den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz\u00bb zu dem Thema aktiv sind). Dass die genannten Probleme jeweils eine Reihe an Folgeproblemen mit sich bringen \u2013 man kann sich die Folgen von erodierten B\u00f6den in Kombination mit dem Klimawandel auf Ernteertr\u00e4ge in der Zukunft ausmalen \u2013 soll hier nicht weiter ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird deutlich: In der Bek\u00e4mpfung von Pandemien sind verschiedenste Politikfelder eng miteinander verkn\u00fcpft. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten, welche dem gesunden Menschenverstand zu folgen scheinen, ist verst\u00e4ndlich. Und doch k\u00f6nnen einfache Antworten oft das Gegenteil von dem bewirken, was sie zu erreichen vorgeben. Diese Interaktionen zwischen verschiedenen Politikfeldern und Zielen spiegeln sich auch in der Agenda 2030 wider. Sie bietet somit einen systemischen Ansatz, welcher auch in der Pandemiepr\u00e4vention eine Rolle zu spielen hat und der Komplexit\u00e4t der beteiligten Prozesse gerecht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-size: 16px;\">Titelbild: <\/span><span style=\"font-size: 16px;\">Photo by <\/span><a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@evablue?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" class=\"\" rel=\"nofollow noopener\">Eva Blue<\/a><span style=\"font-size: 16px;\"> on <\/span><a href=\"https:\/\/unsplash.com\/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" class=\"\" rel=\"nofollow noopener\">Unsplash<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":80112,"template":"","meta":{"_acf_changed":true},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-80111","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80111","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/80112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80111"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80111"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}