{"id":80372,"date":"2024-11-05T11:00:30","date_gmt":"2024-11-05T10:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/fern-und-irrelevant-die-schweiz-und-die-entstehende-multipolare-weltordnung-eurasischer-praegung\/"},"modified":"2026-05-27T11:22:14","modified_gmt":"2026-05-27T09:22:14","slug":"fern-und-irrelevant-die-schweiz-und-die-entstehende-multipolare-weltordnung-eurasischer-praegung","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/fern-und-irrelevant-die-schweiz-und-die-entstehende-multipolare-weltordnung-eurasischer-praegung\/","title":{"rendered":"Fern und irrelevant? \u2013 Die Schweiz und die entstehende multipolare Weltordnung eurasischer Pr\u00e4gung"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor zwei Jahren hatte ich die Gelegenheit, in einem informellen Gespr\u00e4ch eine einflussreiche Schweizer Politperson zu fragen, wie sie auf den immer wichtiger werdenden Prozess der eurasischen Integration im Rahmen der entstehenden multipolaren Weltordnung blicke. Das Thema der Frage schien zu \u00fcberraschen, und die Antwort lautete, dass diese Dinge sowieso nicht bei uns entschieden werden. Sogar dieser aussenpolitisch versierten Person schien die Frage nicht sonderlich relevant.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrenddessen treiben die eurasischen M\u00e4chte das Entstehen einer multipolaren Weltordnung voran. Abgesehen von China, Russland, Indien, Iran, und den Arabischen Staaten sind auch L\u00e4nder Afrikas und Lateinamerikas \u2013 also des ganzen \u00abglobalen S\u00fcdens\u00bb \u2013 daran beteiligt. Es handelt sich um eine wachsende Integration von Handel, Infrastrukturaufbau, Sicherheitskooperation sowie polit\u00f6konomischer Zusammenarbeit in s\u00e4mtlichen Bereichen. Zentrale Institutionen dieser Entwicklungen sind die BRICS+, die Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit (SOZ), die Eurasische Wirtschaftsunion, die Neue Seidenstrasse, der Internationale Nord-S\u00fcd-Transportkorridor oder auch die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diesen Oktober haben sich die Staatschefs der BRICS-Staaten in Kazan zum <span><a href=\"https:\/\/cdn.brics-russia2024.ru\/upload\/docs\/Kazan_Declaration_FINAL.pdf?1729693488349783\" rel=\"nofollow noopener\">j\u00e4hrlichen Gipfeltreffen<\/a><\/span> getroffen. Wie erwartet wurden weitere Bausteine f\u00fcr eine Alternative zum rund um den US-Dollar und westliche \u2013 respektive anglo-amerikanische \u2013 Hegemonie aufgebauten Weltwirtschaftssystem zusammengef\u00fcgt. Speziell nennenswert sind Schritte in Richtung einer neuen globalen Finanzinfrastruktur, welche langfristig in ihrer Tragweite den Folgen von Bretton Woods nahekommen und dessen Institutionen sogar abl\u00f6sen k\u00f6nnten. Dar\u00fcber hinaus wurde diesen Juli am <span><a href=\"https:\/\/eng.sectsco.org\/20240709\/1438929.html\" rel=\"nofollow noopener\">SOZ-Gipfel in Astana<\/a><\/span> von nichts Geringerem als einer eurasischen Sicherheitsordnung in einer Logik von Unteilbarkeit der Sicherheit <span><a href=\"https:\/\/eng.sectsco.org\/20240709\/1438929.html\" rel=\"nofollow noopener\">gesprochen<\/a><\/span>, sowie vom Konzept einer \u00abGemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft f\u00fcr die Menschheit\u00bb und den \u00abF\u00fcnf Prinzipien einer friedlichen Koexistenz\u00bb. Ersteres ist das urspr\u00fcnglich von Russland stammende Konzept der kollektiven Sicherheit, welches besagt, dass Sicherheit der einen nicht zu Lasten von anderen geschaffen werden kann und darf. Das andere sind zentrale Konzepte der chinesischen Diplomatie, welche zum Teil auf die Bewegung der Blockfreien Staaten aus den 1960er Jahren zur\u00fcckgehen. Mir ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Konzepten in unserem \u00f6ffentlichen Diskurs bekannt. Sie scheinen mir aber durchaus wert, bekannt gemacht und vertieft diskutiert zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schlagworte wie Multipolarit\u00e4t oder Entdollarisierung \u2013 die Tendenz zur Infragestellung des US-Dollars als Reserve- und Handelsw\u00e4hrung \u2013 haben zwar in j\u00fcngster Zeit eine gewisse Verbreitung erfahren. Doch von einer tiefgreifenden Debatte ist in der Schweiz wenig zu sp\u00fcren. Die wichtigste geopolitische und geo\u00f6konomische Entwicklung unserer Zeit ist in zu vielen K\u00f6pfen nicht einmal pr\u00e4sent. Wo der Begriff der Multipolarit\u00e4t <span><a href=\"https:\/\/www.ubscenter.uzh.ch\/de\/news_events\/events\/2024-04-16_wirtschaftspodium_schweiz_scheideweg.html\" rel=\"nofollow noopener\">erw\u00e4hnt wird<\/a><\/span>, geschieht es innerhalb der Denkschablonen der unipolaren Weltordnung. In \u00e4usserster Seltenheit <span>wird <a href=\"https:\/\/weltwoche.ch\/story\/china-ist-eine-chance\/\" rel=\"nofollow noopener\">suggeriert<\/a><\/span>, dass die Schweiz sich durchaus auch \u00fcber Europa und den Westen hinaus Gedanken machen d\u00fcrfte. W\u00e4hrend die Option der zunehmenden Anbindung an EU und NATO unter amerikanischer Schirmherrschaft bis ins Detail bekannt ist und laufend auf der Agenda steht, wird das Spektrum von weiteren eventuell existierenden Optionen nicht einmal ergr\u00fcndet. So wurde zwar dieses Jahr in einem <span><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/die-schweiz-steckt-in-der-neutralitaetsfalle-es-braucht-einen-befreiungsschlag-ld.1825155\" rel=\"nofollow noopener\">NZZ-Kommentar<\/a><\/span> die bisher weitgehend einem Tabubruch nahekommende Option eines Schweizer NATO-Beitrittsplans vorgeschlagen. Ernsthafte und konstruktive \u00dcberlegungen zur eurasischen Integration \u2013 ob es sich dabei bloss um eine ehrliche Auseinandersetzung mit Konzepten der Multipolarit\u00e4t, oder gar um die Option einer BRICS-Ann\u00e4herung handle \u2013 fehlen im Jahr 2024 noch fast vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Frappierend ist dabei der Kontrast: W\u00e4hrend Unipolarit\u00e4t und die weitere Ann\u00e4herung an ihre zentralen Akteure in der Politdebatte wie selbstverst\u00e4ndlich pr\u00e4sent sind, wird Multipolarit\u00e4t trotz ihrer kaum mehr bezweifelbaren Relevanz weder als Realit\u00e4t noch als vision\u00e4re Idee \u00fcberhaupt erst wahrgenommen. Diese unhaltbare Diskrepanz l\u00e4sst sich meines Erachtens nur dadurch erkl\u00e4ren, dass der Denkraum in der Schweiz von einerseits transatlantischen und andererseits unipolar-hegemonialen Parametern bestimmt wird. Was sieben Milliarden Menschen der globalen Mehrheit, die nicht in OECD-Staaten leben, als Probleme unipolar-hegemonialen Ursprungs erkannt haben, wird bei uns nach wie vor mehrheitlich als regel- und wertbasierte liberale und dadurch per se positive Ordnung angesehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch Schweizer Diplomaten gestehen unter vorgehaltener Hand, dass sie die Weltordnung nur noch sehr l\u00fcckenhaft nach dem westlichen Propagandamodell beschreiben und verteidigen k\u00f6nnen. Und doch lauten die Grundparameter nach wie vor, kurz gesagt, \u00abwir sind die Guten\u00bb, das heisst eine moralisch \u00fcberlegene Gesellschaft, und \u00abwir haben das Recht oder die Pflicht, in Bezug auf andere aktiv zu werden, auch in Abwesenheit eines globalen Konsenses (und unabh\u00e4ngig vom V\u00f6lkerrecht)\u00bb. Diese Annahmen f\u00fchren zu einer Aufteilung der Welt in die guten Demokratien des Westens und die unguten Autokratien Eurasiens, welche angeblich rechtfertigen soll, dass von den \u00abAutokraten\u00bb stammende Ideen und Realit\u00e4ten gar nicht erst zu begutachten sind. Seri\u00f6ser und \u2013 angesichts der eigenen Inkoh\u00e4renz \u2013 auch ehrlicher w\u00e4re es, alle Aspekte der entstehenden multipolaren Weltordnung eingehend zu diskutieren. Falls sich deren Konzepte als untauglich und unbrauchbar erweisen, sollte man sie mit Argumenten verwerfen, anstatt sie gar nicht erst in die Debatte aufzunehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Schweiz und der gesamte Westen stehen vor einer Zeit des Wandels. Unabh\u00e4ngig davon, ob man Multipolarisierung und eurasische Integration f\u00fcr w\u00fcnschenswert h\u00e4lt oder nicht, sollten wir ihnen aufgekl\u00e4rt begegnen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":68855,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1823],"class_list":["post-80372","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-volkerrecht-multilateralismus"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68855"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80372"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80372"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}