{"id":80439,"date":"2026-02-11T08:00:43","date_gmt":"2026-02-11T07:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/fuer-den-hunger-europas-ausgebeutet-ueber-essen-macht-und-migration\/"},"modified":"2026-05-27T11:22:25","modified_gmt":"2026-05-27T09:22:25","slug":"fuer-den-hunger-europas-ausgebeutet-ueber-essen-macht-und-migration","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/en\/blog-post\/fuer-den-hunger-europas-ausgebeutet-ueber-essen-macht-und-migration\/","title":{"rendered":"F\u00fcr den Hunger Europas ausgebeutet &#8211; \u00dcber Essen, Macht und Migration"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Vor der Atlantikk\u00fcste Senegals und Gambias liegt eines der fischreichsten Gebiete der Welt. Jahrzehntelang konnten lokale Fischerfamilien hier von ihrem Fang leben, bis die Netze immer leerer wurden und die Boote immer weiter hinausfahren mussten. Was als lokale Krise beginnt, m\u00fcndet in einem globalen Kreislauf aus Ausbeutung, Konsum und Migration.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>Europas Subventionen, Afrikas Verlust<\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Eine erste Ursache f\u00fcr die \u00dcberfischung liegt in den <\/span><a href=\"https:\/\/oceans-and-fisheries.ec.europa.eu\/fisheries\/international-agreements\/sustainable-fisheries-partnership-agreements-sfpas_en\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Fischereiabkommen<\/span><\/a> <i><span style=\"font-weight: 400;\">(Sustainable Fisheries Partnership Agreements, SFPAs)<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\">, die die Europ\u00e4ische Union seit den 1980er Jahren mit westafrikanischen Staaten schliesst. Diese sollen eine nachhaltige Entwicklung des Fischereisektors in den Partnerl\u00e4ndern f\u00f6rdern, w\u00e4hrend sie der EU zugleich erlauben, \u00dcberschussbest\u00e4nde in den Gew\u00e4ssern der Partnerstaaten zu fischen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Die EU zahlt Millionen an westafrikanische Regierungen f\u00fcr das Recht, in ihren Gew\u00e4ssern zu fischen. Doch das Geld fliesst nur teilweise in den Fischereisektor, wie das Beispiel <\/span><a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/BRIE\/2021\/698842\/EPRS_BRI(2021)698842_EN.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Mauretanien<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> zeigt: Von den mehr als 60 Millionen Euro, die j\u00e4hrlich gezahlt werden, kommen nur etwas mehr als drei Millionen Euro dem Fischereisektor zugute &#8211; die restlichen Millionen gehen an die Regierung als Ausgleichszahlungen f\u00fcr die Zugangsrechte.\u00a0<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Der <\/span><a href=\"https:\/\/www.clientearth.org\/latest\/news\/sardinella-the-dwindling-state-of-a-west-african-staple\/\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Fang<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> wird meist in Form von Fischmehl und Fisch\u00f6l exportiert, das aus kleineren Arten wie Sardinella oder Bonga hergestellt wird. Die Nachfrage in Europa ist hoch, insbesondere in der Aquakultur, beispielsweise in Norwegen zur Lachsf\u00fctterung, oder allgemein als Tierfutter. Auch werden die kleinen Fische als K\u00f6der beim Fang von Thunfisch eingesetzt.\u00a0<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>\u00dcberfischung und Zerst\u00f6rung \u00f6kologischer und sozialer Systeme<\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">In Westafrika ist des Weiteren illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei (<\/span><a href=\"https:\/\/www.fao.org\/iuu-fishing\/background\/what-is-iuu-fishing\/en\/\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Illegal, Unreported and Unregulated Fishing<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, IUU) weit verbreitet. Dazu geh\u00f6ren unter anderem unerlaubte Fischerei, der Einsatz verbotener Fangger\u00e4te und -techniken, Fischfang in fremden Gebieten oder Fischerei w\u00e4hrend verbotener Zeiten. Ein gro\u00dfer Teil der IUU-Fischerei wird von industriellen Fangflotten aus Drittstaaten ver\u00fcbt, h\u00e4ufig unter sogenannten Billigflaggen (<\/span><a href=\"https:\/\/ejfoundation.org\/resources\/downloads\/EJF-report-FoC-flags-of-convenience-2020.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Flag of Convenience<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, FOC) oder unter den Flaggen von L\u00e4ndern, mit denen Fischereiabkommen bestehen. Damit wird es f\u00fcr K\u00fcstenstaaten noch schwieriger, Herkunft und Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Fangaktivit\u00e4ten zu kontrollieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die IUU-Fischerei stark gestiegen; in einigen L\u00e4ndern liegt der illegale Fang inzwischen fast auf dem Niveau des legalen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Spezifisch in <\/span><a href=\"https:\/\/caopa.org\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Gambia_ENG_Nov_2022_final_low_res.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Gambia<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> existiert zudem das Problem, dass das Land im Gegensatz zu den meisten L\u00e4ndern der Subregion weder einen nationalen Aktionsplan gegen IUU-Fischerei noch eine Kontroll- und \u00dcberwachungsstruktur entwickelt hat, weswegen gegen den illegalen Fischfang nicht vorgegangen werden kann. Auch sind die Regelungen bez\u00fcglich der Fischereizonen verwirrend, was immer wieder zu Konflikten zwischen lokalen Fischern und industriellen Schiffen auf See f\u00fchrt.\u00a0<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Die Folgen der industriellen Hochseefischerei, einschlie\u00dflich der IUU-Fischerei, sind dramatisch. <\/span><a href=\"https:\/\/maring.org\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/FAO-Report-The-State-of-World-Fisheries-and-Aquaculture-2024.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Forschungen<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> zeigen, dass die Fischbest\u00e4nde vor der westafrikanischen K\u00fcste in den letzten Jahrzehnten stark zur\u00fcckgegangen sind. Grundschleppnetze reissen Korallenriffe und Seegrasb\u00f6den mit, die eigentlich als Brut- und Aufwuchsgebiete vieler Fische, Krebse und anderer Meeresarten dienen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>Flucht als letzte Option<\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Der Niedergang der Fischbest\u00e4nde trifft vor allem die <\/span><a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/09\/19\/sie-wollen-unsern-fisch-aber-uns-wollen-sie-nicht\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">K\u00fcstenbev\u00f6lkerung<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, die am wenigsten zur Krise beigetragen hat. Mit einfachen Booten haben lokale Fischer keine Chance gegen industrielle Trawler und verlieren damit ihre wichtigste Einkommensquelle. Wenn das Meer keine Fische mehr hergibt, kollabiert eine ganze <\/span><a href=\"https:\/\/ejfoundation.org\/resources\/downloads\/Senegal-BT-Report-DIGITAL.pdf?utm_source=chatgpt.com\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">soziale Struktur<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. Menschen, deren Lebensunterhalt vom Fischfang abh\u00e4ngt \u2013 sei es durch direkten Fischfang oder durch Verarbeitung, Transport, Verkauf und Bootsbau \u2013 verlieren ihre Lebensgrundlage.\u00a0<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">So sehen viele junge Menschen aus der Region, meist M\u00e4nner, in der <\/span><a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/09\/19\/sie-wollen-unsern-fisch-aber-uns-wollen-sie-nicht\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Migration<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> die einzige M\u00f6glichkeit, ihre Familien zu ern\u00e4hren. Die \u00dcberfischung ist dabei kein isolierter Faktor, sondern Teil eines gr\u00f6sseren Systems: Europas Fischereiabkommen und die IUU-Fischerei schaffen Bedingungen, die Menschen in die Flucht treiben.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend beispielsweise im <\/span><a href=\"https:\/\/sihma.org.za\/african-migration-statistics\/country\/senegal\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">Senegal<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> fast die H\u00e4lfte der Migrationsbewegungen innerhalb der Region stattfindet, versuchen viele auch den Weg \u00fcber die Atlantikroute, die heute als <\/span><a href=\"https:\/\/caminandofronteras.org\/en\/monitoreo\/monitoring-the-right-to-life-2024\/\" rel=\"nofollow noopener\"><span style=\"font-weight: 400;\">gef\u00e4hrlichste Fluchtroute<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> der Welt gilt. Konkrete Zahlen zur Anzahl derer, die diese Flucht unternehmen, sind schwer zu finden, aber in Gambia und Senegal ist es \u00fcblich, junge Menschen \u00fcber ihre Fluchtversuche sprechen zu h\u00f6ren. Immer wieder kentern Boote zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln; Tausende verlieren jedes Jahr bei der \u00dcberfahrt ihr Leben.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Ironischerweise landen manche der \u00dcberlebenden in Europa, in L\u00e4ndern, deren Fischereipolitik zur Zerst\u00f6rung ihrer Heimat beigetragen hat. Doch statt eines Neuanfangs erwartet sie dort meist neue Formen der Abh\u00e4ngigkeit und Ausbeutung.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>Ein Spiegel globaler Ungleichheit<\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Der Zusammenhang zwischen vollen Fischregalen in Europa und leeren Netzen in Westafrika zeigt, wie ungleiche Handelsbeziehungen lokale \u00d6konomien zerst\u00f6ren und Migration f\u00f6rdern. Solange industrielle Flotten westafrikanische Gew\u00e4sser ausbeuten, bleibt das Problem bestehen. \u201eNachhaltige\u201c Abkommen d\u00fcrfen nicht dazu f\u00fchren, dass europ\u00e4ischer Bedarf auf Kosten \u00fcberfischter Meere und der Zukunft der K\u00fcstengemeinden gedeckt wird.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span style=\"font-weight: 400;\">Die SFPAs mit Gambia und Senegal sind derzeit pausiert. Ohne aktive Protokolle d\u00fcrfen EU-Flotten nicht fischen, und es fliessen keine Subventionen. Genau darin liegt eine Chance: f\u00fcr einen echten Dialog, gerechtere Abkommen, bessere Kontrolle gegen illegale Fischerei und die St\u00e4rkung des lokalen Fischereisektors, damit er seine Zukunft selbst bestimmen kann.<\/span><\/p>\n","protected":false},"featured_media":68900,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1952,1820],"class_list":["post-80439","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-klima","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80439"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80439"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}