{"id":79541,"date":"2011-04-28T00:00:00","date_gmt":"2011-04-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/wird-es-eng-in-der-schweiz-in-euren-koepfen-vielleicht\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:21","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:21","slug":"wird-es-eng-in-der-schweiz-in-euren-koepfen-vielleicht","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/wird-es-eng-in-der-schweiz-in-euren-koepfen-vielleicht\/","title":{"rendered":"Wird es eng in der Schweiz? \u2013 In euren K\u00f6pfen vielleicht"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel \u2013 <\/em><strong>Seit die Personenfreiz\u00fcgigkeit mit Europa gilt, geh\u00f6rt es zum guten Ton, \u00fcber die Enge in der Schweiz zu jammern. Das gef\u00e4hrdet nicht nur die Vorteile der Personenfreiz\u00fcgigkeit unn\u00f6tig, es geht auch an den wahren Problemen vorbei. <\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nP\u00fcnktlich zum Wahlkampf ist es Mode geworden, dar\u00fcber zu lamentieren, wie eng die Schweiz geworden sei. Wachstumskritik geh\u00f6rt neu zu den Standardphrasen von Durchschnittspolitikern jeden Couleurs. Die Infrastruktur k\u00f6nne das Wachstum nicht mehr bew\u00e4ltigen, die Mieten und Bodenpreise w\u00fcrden unertr\u00e4glich, die \u201eSingapurisierung der Schweiz\u201c m\u00fcsse aufgehalten werden denn die absolute Wachstumsgrenze sei erreicht.\n\n<strong>Bizarre Zusammenh\u00e4nge<\/strong>\n\nDoch es geht in dieser modischen Diskussion nicht eigentlich um Wachstumskritik, sondern darum, einen S\u00fcndenbock aufzubauen. F\u00fcr die gef\u00fchlte Enge im Zug, auf der Autobahn und bei der Suche nach Wohnungen ist nach der Darstellung der falschen Wachstumskritiker nicht die explodierende Mobilit\u00e4t der Alteingesessenen verantwortlich und ihre immer raumgreifenderen Vorstellungen einer angemessenen Behausung, sondern die Zuwanderung.\n\nEs gibt Abstufungen in den Schuldzuweisungen. F\u00fcr Bastien Girod (Gr\u00fcne) sind die zuziehenden Unternehmen das Problem, Phillip M\u00fcller, der Chef-Zuwanderungs-Verhinderer der FDP hat den Familiennachzug von Asylsuchenden als neues Haupt\u00fcbel identifiziert und die SVP bleibt Marktf\u00fchrerin bei der D\u00e4monisierung der Personenfreiz\u00fcgigkeit. Gemeinsam ist den S\u00fcndenbock-Politikern die Entschlossenheit, Probleme, deren L\u00f6sungen langfristig, kompliziert und unpopul\u00e4r sind, in eine Migrations-Debatte umzugiessen, die als politischer Gassenhauer hervorragend funktioniert. Wie weit sich dieses Spiel treiben l\u00e4sst, ist erstaunlich. Als es der SVP nach der AKW-Katastrophe in Fukushima erst einmal die Sprache verschlagen hatte, meldete sie sich zur\u00fcck in dem sie den bizarren Zusammenhang herstellte, f\u00fcr das AKW M\u00fchleberg sei im Grunde die Zuwanderung verantwortlich.\n\nDiese S\u00fcndenbockpolitik kann zu nichts Gutem f\u00fchren. Denn erstens ist es in der Schweiz nicht eng und zweitens w\u00e4re die Ressourcenknappheit selbst dann, wenn sie tats\u00e4chlich akut w\u00e4re, nicht von der Zuwanderung zu verantworten.\n\n<strong>Eine Sau muss sich drehen k\u00f6nnen<\/strong>\n\nZu jedem Zeitpunkt in der Geschichte war es in der Schweiz enger als heute. Im sp\u00e4ten Mittelalter \u2013 auf dem Gebiet der heutigen Schweiz lebten knapp 800\u2019000 Einwohner \u2013 waren nicht nur die zur Verf\u00fcgung stehenden Lebensmittel sondern auch der zur Verf\u00fcgung stehende Lebensraum pro Kopf sehr knapp. In der Stadt Z\u00fcrich bestand die Vorschrift, eine Strasse m\u00fcsse mindestens so breit sein, dass eine Sau sich umdrehen k\u00f6nne. <em>Das <\/em>war eng. Die Menschen, die zur Zeit der Gr\u00fcndung der alten Eidgenossenschaft auf dem Gebiet der heutigen Schweiz zu Hause waren h\u00e4tten jeden ausgelacht, der ihnen erz\u00e4hlt h\u00e4tte, die Bev\u00f6lkerungszahl werde sich in 700 Jahren verzehnfachen: \u201eNiemals. Das Wachstum hat eine absolute Grenze. Bei sp\u00e4testens einer Million Menschen ist die Kapazit\u00e4tsgrenze der Schweiz erreicht\u201c, h\u00e4tten sie entgegnet.\n\n<strong>Alle in einem Bett<\/strong>\n\nIm Jahr 1900, als in der Schweiz rund 3.3 Millionen Menschen lebten, h\u00e4tten die Menschen wohl gesagt, die absolute Kapazit\u00e4tsgrenze des Landes sei bereits \u00fcberschritten, was ihnen niemand h\u00e4tte ver\u00fcbeln k\u00f6nnen. Denn obwohl weniger als die H\u00e4lfte der heutigen Bev\u00f6lkerung in der Schweiz lebte, war es unendlich viel enger. Die Wohnungen waren elend und dunkel, mit rauchigen Heizungen und ohne fliessendes Wasser. Oft bestanden sie aus einem einzigen Raum. Mehrere Familienmitglieder mussten in demselben Bett schlafen und dennoch war die Miete so hoch, dass sie fast das ganze Einkommen verschlang. <em>Das <\/em>war eng.\n\n<strong>Bauland einzonen!<\/strong>\n\nDie Mobilit\u00e4t der Schweizer\/innen hat seit jener Zeit um den Faktor 62 zugenommen (durchschnittlich 17\u2019400 Kilometer pro Kopf und Jahr gegen\u00fcber 280 Kilometer um 1900). Die Wohnfl\u00e4che pro Person hat in den 17 Jahren von 1983 bis 2000 um 34 Prozent zugenommen. Das hat denselben Effekt, wie wenn die Bev\u00f6lkerung in jener Zeit um einen Drittel gewachsen w\u00e4re.\n\nDemgegen\u00fcber hat der Ausl\u00e4nderanteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung im Vergleich zu 1910 (als ebenfalls weitgehende Personenfreiz\u00fcgigkeit mit den Nachbarstaaten herrschte) nur um etwa 9 Prozent zugenommen. Das zeigt: Im Vergleich zu den sehr stark steigenden Anspr\u00fcchen der bereits Anwesenden ist das Bev\u00f6lkerungswachstum durch Zuwanderung ein vernachl\u00e4ssigbarer Faktor f\u00fcr die Belastung der Ressourcen im Land. Und: Entscheidend f\u00fcr die Ressourcen, die pro Person zur Verf\u00fcgung stehen, ist nicht die absolute Zahl der Einwohner\/innen, sondern die Effizienz, mit der die vorhandenen Ressourcen genutzt werden.\n\nVielleicht ist die Migration sogar ein Beitrag zur L\u00f6sung. Bis jetzt hat sie bereits erstaunliches bewirkt: Selbst die SVP und die FDP, deren aktiven Parteimitglieder zum \u00fcberwiegenden Teil auf Gemeindeebene t\u00e4tig sind und dort nur ein Ziel verfolgen (Bauland einzonen!), beginnen dank der Personenfreiz\u00fcgigkeit, sich f\u00fcr Raumplanung zu interessieren. Wenn es ihnen nun noch gelingt, das Stadium der S\u00fcndenbock-Politik hinter sich zu lassen und Massnahmen mitzutragen, die zur Verdichtung der St\u00e4dte und zum Schutz unverbauter Landschaften beitragen, dann w\u00e4re das ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, was f\u00fcr erstaunlich positive Effekte Migration haben kann.\n\nDie Herausforderungen der steigenden Ressourcenbelastung sind gross. Doch werden sie l\u00f6sbar sein, wenn sie mit Lust an technischer Innovation angegangen werden statt mit der Kultivierung eines popul\u00e4ren aber falschen Feindbildes.\n\nDer limitierende Faktor f\u00fcr die Gr\u00f6sse der Schweiz ist nicht die Enge des Lebensraumes, sondern die Enge in den K\u00f6pfen.\n\n<em>Stefan Schlegel wohnt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration und ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog. <\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1820],"class_list":["post-79541","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79541"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79541"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}