{"id":79553,"date":"2011-06-20T00:00:00","date_gmt":"2011-06-19T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/abwarten-und-die-teerechnung-mitbezahlen-geduld-als-strategie-in-der-europafrage\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:22","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:22","slug":"abwarten-und-die-teerechnung-mitbezahlen-geduld-als-strategie-in-der-europafrage","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/abwarten-und-die-teerechnung-mitbezahlen-geduld-als-strategie-in-der-europafrage\/","title":{"rendered":"Abwarten \u2013 und die Teerechnung mitbezahlen: Geduld als Strategie in der Europafrage"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Florian Rittmeyer \u2013<\/em><strong> Das Warten von Bern gegen\u00fcber Br\u00fcssel gilt als hasenherziges Z\u00f6gern. Warum Warten aber nicht mutlos sein muss und als bewusste Strategie dienen kann, zeigt ein anregendes Buch von Rolf Weder und Beat Spirig.<\/strong>\n\n<\/div>\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nWer wartet, z\u00f6gert. Nur wer sich entscheidet, existiert \u2013 sagte schon Luther. Und ein Michail Gorbatschow zugeschriebenes Bonmot warnt sogar, dass vom Leben bestraft werde, wer (zu lange) warte. Unterst\u00fctzung f\u00fcr diese These gibt es seitens der Managementtheorie: die d\u00e4nischen Organisationstheoretiker Kristian Kreiner und S\u00f6ren Christensen fordern in ihrem Konsequenzenmodell dazu auf, mutig zu sein und Entscheidungen auch auf Basis von wenig Wissen zu treffen. Der Gedanke dahinter: Zu Beginn eines Projektes ist die Unsicherheit maximal, die Chance, Geld und Zeit zu gewinnen, jedoch ebenfalls. Am Ende eines Projektes weiss man zwar mehr, aber die Konsequenzen allf\u00e4lliger Entscheidungen sind nicht mehr gross, es gibt wom\u00f6glich sogar nichts mehr zu entscheiden. Was aber, wenn man das Warten als bewussten, strategischen Entscheid verstehen lernt?\n\nF\u00fcr das bewusste Warten pl\u00e4dieren die beiden \u00d6konomen Rolf Weder und Beat Spirig in ihrem Buch \u00abVon Rosinen und anderen Spezialit\u00e4ten. Die Schweiz und die EU\u00bb. Rolf Weder, Professor f\u00fcr Aussenwirtschaft an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t und am Europainstitut der Universit\u00e4t Basel und sein Kollege Beat Spirig schwammen schon in der Vergangenheit mit originellen Ans\u00e4tzen gegen den in der Europapolitik vorherrschenden Daf\u00fcr-oder-dagegen-Strom. Ihre unorthodoxe Analyse stellt nun viele der im \u00f6ffentlichen Diskurs ge\u00e4usserten Phrasen erneut in Frage. Die \u00d6konomen zeigen auf, dass die oft als \u00abRosinenpickerei\u00bb bezeichnete Europapolitik \u00e0 la carte nur deshalb funktioniert, weil dadurch ein Mehrwert f\u00fcr die Schweiz und auch ein einer f\u00fcr die EU generiert wird. Ein unerw\u00fcnschter Nebeneffekt: Unter jenen L\u00e4ndern, die das gesamte EU-Men\u00fc \u2013 und eben nicht nur Teile davon \u2013 konsumieren (m\u00fcssen), entsteht gegen\u00fcber der Schweiz ein Klima der Missgunst. Was tun? Rolf Weder und Beat Spirig antworten: Nahrhafte Extraw\u00fcrste in Form selektiver Integration haben ihren Preis. Dieser ist jedoch durchaus bezahlbar: Dank geschickter Scheckbuchdiplomatie und verst\u00e4rktem Engagement auf multilateraler Ebene.\n\n<strong>Die beste der schlechten L\u00f6sungen<\/strong>\nDie Argumente f\u00fcr ein Fortsetzen des \u00absteinigen Weges\u00bb d\u00fcrften bei Bef\u00fcrwortern eines EU-Beitritts kognitive Dissonanz hervorrufen, denn eine weit verbreitete Meinung besagt, dass die Schweiz bereits De-facto-Mitglied sei, jedoch ohne Mitbestimmungsrechte. Wie Rolf Weder und Beat Spirig luzid darstellen, ist der oft angeprangerte Quasikolonialstatus souver\u00e4nit\u00e4tspolitisch aber f\u00fcr die Schweiz immer noch besser als eine vollst\u00e4ndige Integration in die Regulierungsmaschinerien der EU-Institutionen. Zwar k\u00f6nnte die Schweiz bei k\u00fcnftigem EU-Recht mitentscheiden, tr\u00e4te sie bei. Vergessen wird aber, dass zahlreiche bestehende und in Zukunft von der EU erlassene Regeln \u00fcbernommen werden m\u00fcssten. Gerade weil grosse Unsicherheit dar\u00fcber herrscht, in welche Richtung sich das Regelwerk entwickelt \u2013 eine verst\u00e4rkte Tendenz zur Zentralisierung ist wahrscheinlich \u2013, ist der Nettonutzen eines Beitritts klein und der Wert des Wartens hoch.\n\n<strong>Geld gegen Druck<\/strong>\nWarten ist nicht gleichbedeutend mit Zusp\u00e4tkommen. Denn die EU als Institution d\u00fcrfte auch in Zukunft ein Interesse am Beitritt der Schweiz haben. Der zunehmende Druck und die versch\u00e4rfte Rhetorik seitens der EU-Vertreter sind ebenso eine Realit\u00e4t wie die Erfolge des Binnenmarkts und der Integration der ehemaligen Ostblockl\u00e4nder. Aber warum soll diesen Realit\u00e4ten nicht mit finanziellen Beitr\u00e4gen an die Leistungen der EU in Osteuropa (Stichwort Koh\u00e4sionszahlungen) begegnet werden? Und warum wird nicht st\u00e4rker auf geleistete Beitr\u00e4ge der Schweiz zur L\u00f6sung europapolitischer Aufgaben hingewiesen (Stichwort Neat)?\nWarten muss auch nicht Z\u00f6gern sein. Denn der entstehende Zeitgewinn kann genutzt werden, das Engagement der Schweiz in globalen Institutionen eigenst\u00e4ndig auszubauen \u2013 zum Beispiel im Rahmen der WTO f\u00fcr eine multilaterale Liberalisierung des Handels mit Landwirtschaftsg\u00fctern. Die Chancen eines Nichtbeitritts bestehen darin, den \u00abWeltgang\u00bb (Beat Kappeler) der Schweiz und den Handel mit der ganzen Welt zu verst\u00e4rken. Wer es sich also leisten kann, lange genug bewusst zu warten, d\u00fcrfte in der Causa EU k\u00fcnftig auch belohnt werden.\n\n<strong>Beat Spirig \/ Rolf Weder: Von Rosinen und anderen Spezialit\u00e4ten<\/strong>: Die Schweiz und die EU. Z\u00fcrich: NZZ Libro, 2011.\n\n<em><strong>Florian Rittmeyer<\/strong>, Jahrgang 1982, hat am IHEID internationale Geschichte und Politik studiert. Er arbeitet als Redaktor beim \u00abSchweizer Monat\u00bb und engagiert sich in den foraus-Arbeitsgruppen \u201eEuropa\u201c und \u201eWirtschaft und Finanzplatz\u201c.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68605,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-79553","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79553"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79553"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}