{"id":79666,"date":"2012-07-12T00:00:00","date_gmt":"2012-07-11T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/zuwanderung-aus-drittstaaten-der-migrationsbuckel-drueckt-an-unbequemer-stelle\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:39","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:39","slug":"zuwanderung-aus-drittstaaten-der-migrationsbuckel-drueckt-an-unbequemer-stelle","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/zuwanderung-aus-drittstaaten-der-migrationsbuckel-drueckt-an-unbequemer-stelle\/","title":{"rendered":"Zuwanderung aus Drittstaaten: Der Migrationsbuckel dr\u00fcckt an unbequemer Stelle"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel<\/em><strong> \u2013 Die Debatte \u00fcber Migration geht von abnehmender Zuwanderung aus Drittstaaten aus, wenn diese sich wirtschaftlich erholen. Das neue <em>foraus<\/em>-Diskussionspapier zeigt, dass eher das Gegenteil passiert. Die Idee einer abnehmenden Zuwanderung bei abnehmendem Wohlstandgef\u00e4lle hat auch mit Wunschdenken zu tun: Migration wird als Krise empfunden, die vorbeigehen muss.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<em>\u201eKann man wirklich annehmen, eine so weit ausholende gesellschaftliche Bewegung sei durch die Anstrengungen einer Generation aufzuhalten? Meint man, die Demokratie werde, nachdem sie das Feudalsystem zerst\u00f6rt und die K\u00f6nige \u00fcberwunden hat, bei den B\u00fcrgern und den Reichen z\u00f6gern? Wird sie jetzt einhalten, da sie so stark geworden ist und ihre Gegner so schwach?\u201c\nAlexis de Tocqueville, \u00dcber die Demokratie in Amerika, 1835<\/em>\n\n<em>foraus<\/em> hat die Aufgabe, ein Scharnier zu sein zwischen Politik und Wissenschaft, wenn die Politik zu wenig zur Kenntnis nimmt, zu welchen Ergebnissen die Wissenschaft gelangt und die Wissenschaft zu wenig Einfluss hat auf politische Massnahmen, die sie nicht als zielf\u00fchrend empfinden kann.\n\nDas erschienene<em> foraus<\/em>-Diskussionspapier widmet sich einem Thema, zu dem fast vollst\u00e4ndiger gegenseitiger Autismus herrscht zwischen Wissenschaft und Politik. Es geht um die Frage, inwiefern Migration sich durch die Politik steuern lasse, insbesondere um die Idee, durch Entwicklungszusammenarbeit in den Herkunftsstaaten liessen sich die Gr\u00fcnde der Auswanderung beheben und der Migration daher vorbeugen.\n\nDieses Paradigma der \u201eHilfe vor Ort schafft weniger Zuwanderung\u201c gilt in der politischen Debatte der Schweiz als Binsenwahrheit. Insbesondere die Parteien, die Zuwanderung aus Drittstaaten senken m\u00f6chten, greifen auf diese Idee zur\u00fcck und suggerieren damit, es g\u00e4be eine L\u00f6sung, um Zuwanderung aus Drittstaaten dauerhaft zu senken. Das Diskussionspapier zeigt aber auf, dass kein Zusammenhang zwischen einsetzendem wirtschaftlichen Wachstum und abnehmender Migration nachgewiesen werden kann.\n\nDenn Migration ist enorm teuer (und wird durch Repression zus\u00e4tzlich verteuert). Wo wirtschaftliche Entwicklung dazu f\u00fchrt, dass Menschen finanziellen Spielraum bekommen, wird die Auswanderung erst zu einer attraktiven Option. Einsetzende wirtschaftliche Entwicklung f\u00fchrt daher nicht selten zu einer Zunahme der Auswanderung. Auch in der Schweiz war das so: Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung einsetzte, fand dadurch eine ganze Generation die finanziellen Mittel, ihr Gl\u00fcck in der Fremde zu suchen. In den Sozialwissenschaften ist dieses Ph\u00e4nomen als Migrationsbuckel bekannt.\n\n<strong>Nichts gegen Entwicklungszusammenarbeit<\/strong>\n\nDaraus darf nicht der Schluss gezogen werden, Entwicklungszusammenarbeit m\u00fcsse gek\u00fcrzt werden, damit Menschen in Entwicklungsl\u00e4ndern weiterhin arm genug sind, um sesshaft zu bleiben. Entwicklungszusammenarbeit hat einen viel zu geringen Einfluss, um f\u00fcr das Einsetzen einer wirtschaftlichen Entwicklung mit Breitenwirkung verantwortlich zu sein. Es soll lediglich gezeigt werden, wie naiv die Idee ist, Migration sei ein Ausdruck bitterster Armut und sie werde aufh\u00f6ren, wenn es gelinge, diese Armut zu \u00fcberwinden.\n\nAbgesehen davon ist diese Idee auch gef\u00e4hrlich, weil sie dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, dass Entwicklungsgelder dort eingesetzt werden, wo das gr\u00f6sste Migrationspotential geortet wird, statt dort, wo die gr\u00f6sste Entwicklung m\u00f6glich w\u00e4re.\n\nVielleicht h\u00e4ngt die fast vollst\u00e4ndige Ignoranz des Migrationsbuckels im politischen Diskurs daran, dass wenig qualifizierte Migrierende aus Drittstaaten keine Lobby haben, die in die Diskussion einbringen k\u00f6nnte, was gegen den gegenw\u00e4rtigen Umgang mit ihnen spricht. Wo ein Defizit in der politischen Vertretung von Interessensgruppen vorliegt, besteht das Privileg der Rechtssch\u00f6pfer, die Mythen, auf denen sie ihre Scheinl\u00f6sungen bauen, nicht gegen die zuwider laufenden Fakten verteidigen zu m\u00fcssen.\n\n<strong>Der Wunsch ist Vater des Gedankens<\/strong>\n\nNoch wichtiger f\u00fcr die Verdr\u00e4ngung des Migrationsbuckels aber ist die verbreitete, unterschwellige Idee, Zuwanderung werde vorbei gehen. Sie wird als eine St\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Ordnung empfunden, die \u00fcberwunden werden muss. Daraus ergibt sich, dass die Frage nach anderen Zukunftsszenarien als nach dem der abnehmenden Migration gar nicht gestellt wird und die Idee fixiert wird, es m\u00fcsse Rezepte zu deren dauerhaften Reduktion geben. Je mehr Rezepte schon prima vista ausscheiden, desto unerbittlicher und blinder f\u00fcr Argumente werden die anderen verfolgt.\n\nDas l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr einen wichtigen Gedanken, der schon Alexis de Tocqueville unbequem war: Wenn wir selber unter keinen Umst\u00e4nden verzichten wollten auf die M\u00f6glichkeiten einer liberalen Marktwirtschaft und der damit verbundenen M\u00f6glichkeit, die eigene Arbeitskraft dort zu Markte zu tragen, wo sie einen realen Wert hat; was macht uns glauben, dass es uns auf Dauer gelingen werde, jene von diesem Privileg auszuschliessen, die es momentan noch nicht geniessen? Wenn die Feudalherren die B\u00fcrger nicht vom Privileg der Gleichberechtigung ausschliessen konnten und die B\u00fcrger nicht die Massen des einfachen Volkes, was spricht daf\u00fcr, dass es dem Volk gelingen sollte, die Wanderarbeiter vom Zugang zu gleichen Rechten fernzuhalten?\n\n<em><strong>Stefan Schlegel<\/strong>, wohnt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration, ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog und zusammen mit Vera Eichenauer und Joanna Menet Co-Autor des foraus-Diskussionspapiers \u00ab\u00a0Verhindert wirtschaftliche Entwicklung Migration? Eine Einsch\u00e4tzung popul\u00e4rer Rezepte zum Umgang mit Migration aus Drittstaaten: Entwicklungszusammenarbeit und Repression\u00a0\u00bb.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1820],"class_list":["post-79666","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79666"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79666"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}