{"id":79698,"date":"2012-10-01T00:00:00","date_gmt":"2012-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/der-unterschied-zwischen-feuer-rufen-und-feuer-legen-eine-entgegnung-auf-ulrich-guts-ansicht-zu-islam-satiren\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:43","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:43","slug":"der-unterschied-zwischen-feuer-rufen-und-feuer-legen-eine-entgegnung-auf-ulrich-guts-ansicht-zu-islam-satiren","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/der-unterschied-zwischen-feuer-rufen-und-feuer-legen-eine-entgegnung-auf-ulrich-guts-ansicht-zu-islam-satiren\/","title":{"rendered":"Der Unterschied zwischen \u201eFeuer!\u201c rufen und Feuer legen \u2013 Eine Entgegnung auf Ulrich Guts Ansicht zu Islam-Satiren"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel<\/em> \u2013 <strong>Darf sich auf die Meinungs\u00e4usserungsfreiheit berufen, wer durch seine Meinung die Aussenbeziehungen des Landes gef\u00e4hrdet oder gar die Sicherheit von Menschen? \u2013 Ja. Der Schutz der Grundrechte ist dort am n\u00f6tigsten, wo ihre Aus\u00fcbung mit Gewalt bedroht wird.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<em>The most stringent protection of free speech would not protect a man falsely shouting fire in a theatre and causing a panic. [&#8230;] The question in every case is whether the words [&#8230;] are of such a nature as to create a clear and present danger that they will bring about the substantive evils that Congress has a right to prevent.\u201c\n<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Oliver_Wendell_Holmes,_Jr.\" rel=\"nofollow noopener\">Oliver Wendell Holmes Jr<\/a>. in: Schenck vs. United States, 1919<\/em>\n\nUlrich Gut hat zu den Ausschreitungen im Zusammenhang mit dem Mohammed-Filmchen und den darauf hin ver\u00f6ffentlichten <a href=\"http:\/\/www.titanic-magazin.de\/inhalt_1210.html\" rel=\"nofollow noopener\">Satiren<\/a> \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.charliehebdo.fr\/\" rel=\"nofollow noopener\">Propheten<\/a> eine private <a href=\"http:\/\/www.unser-recht.ch\/de\/mitgliederbriefe-newsformat\/detailseite.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=558&amp;tx_ttnews%5BbackPid%5D=23&amp;cHash=6b43de268e\" rel=\"nofollow noopener\">Stellungnahme<\/a> publiziert, die mich nachdenklich gestimmt und zu einer Entgegnung bewogen hat.\n\nProblematisch sind an der Stellungsnahme drei Dinge. Erstens suggeriert sie, es sei eine eigenm\u00e4chtige St\u00f6rung der demokratisch festgelegten Aussenpolitik, durch private \u00c4usserung die Beziehung zu anderen Staaten zu tr\u00fcben oder zu erschweren (I). Zweitens wirft sie Islam-Satiren vor, die \u201efriedliche Koexistenz mit der islamischen Welt\u201c zu gef\u00e4hrden (II) und drittens sagt sie, wer durch seine Meinungs\u00e4usserung gewaltt\u00e4tige Reaktionen provoziere, habe nicht das Recht \u201esich hinter dem Grundrechtsdiskurs zu verschanzen\u201c sondern m\u00fcsse sich daf\u00fcr rechtfertigen, \u201edie Gesetze des Handelns\u201c eigenm\u00e4chtig an sich gezogen zu haben (III).\n\n<strong>St\u00f6rger\u00e4usche inklusive<\/strong>\n\nI.) D\u00fcrfen Private durch \u00c4usserung ihrer Ansicht die Beziehungen des Landes zu anderen Staaten gef\u00e4hrden? \u2013 Nat\u00fcrlich. Die Aussenpolitik \u2013 auch die demokratisch beschlossene \u2013 bindet den Staat, nicht Privatpersonen. Niemand muss deswegen seine Meinung f\u00fcr sich behalten. Viele Ansichten k\u00f6nnen negative Effekte auf die Aussenbeziehungen haben. Wer f\u00fcr ein freies Tibet eintritt, erschwert m\u00f6glicherweise die Verhandlungen mit China \u00fcber ein Freihandelsabkommen. Diese Meinung deswegen zu verbieten oder ihr nur schon Eigenmacht gegen\u00fcber der Aussenpolitik vorzuwerfen, liefe auf eine Implosion der Meinungsfreiheit hinaus. Unsere Aussenbeziehungen m\u00fcssen so gestaltet werden, dass sie jederzeit auch St\u00f6rger\u00e4usche aus dem eigenen Land vertragen. Das ist eine der Herausforderungen einer freiheitlichen Ordnung.\n\n<strong>Kein Recht auf Empfindlichkeit<\/strong>\n\nII.) Eine seltsame Umdrehung der Rollen besteht darin, Satirikern den Vorwurf zu machen, sie gef\u00e4hrdeten die friedliche Koexistenz mit der \u201eislamischen Welt\u201c. Das ist etwa so, als w\u00fcrde dem t\u00fcrkischen Kulturverein von Wangen die Schuld am Minarett-Verbot gegeben, weil er nicht gen\u00fcgend R\u00fccksicht genommen habe auf die kulturalistische D\u00fcnnh\u00e4utigkeit der \u00f6rtlichen Biederm\u00e4nner.\n\nDie freie Meinung kann unm\u00f6glich gesch\u00fctzt werden, wenn sie \u00fcberall dort rechtfertigungsbed\u00fcrftig wird, wo die Gegner der ge\u00e4usserten Meinung bereit sind, mit Gewalt zu drohen oder eine besondere Schutzbed\u00fcrftigkeit f\u00fcr ihre Gef\u00fchle in Anspruch nehmen, weil diese angeblich heiliger sind, als die Gef\u00fchle anderer.\n\nEine vern\u00fcnftige Faustregel ist: Je empfindlicher jemand auf satirische Kritik reagiert und je eher er bereit ist, diese mit Gewalt zu bedrohen, desto n\u00f6tiger ist es, ihn mit den Mitteln der Satire der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben. Satire <em>darf<\/em> nicht nur alles, sie <em>sollte<\/em> auch dort zubeissen, wo die gr\u00f6bsten Anmassungen blossgestellt werden k\u00f6nnen. Zu diesen Anmassungen geh\u00f6rt auch der Glaube, die friedliche Koexistenz st\u00f6ren zu d\u00fcrfen, indem kollektive Vergeltung ge\u00fcbt wird f\u00fcr die Wahrnehmung eines Freiheitsrechts.\n\nBrandstifterin ist nicht die Satire \u2013 auch wenn sie gef\u00e4hrlich ist. Zwischen jenen, die Worte und Bilder zur Waffe haben und jenen die Feuer legen, liegt der entscheidende Unterschied zwischen legitimem Gebrauch der eigenen Freiheit und Bruch des Friedens.\n\n<strong>Bedrohte Freiheit braucht besonderen Schutz<\/strong>\n\nIII.) Damit wird offensichtlich, wie gef\u00e4hrlich die Ansicht ist, wer durch die Wahrnehmung seiner Grundrechte eine Gefahr schaffe, der d\u00fcrfe sich nicht \u201ehinter dem Grundrechtsdiskurs verschanzen\u201c. Die Wahrnehmung von Grundrechten ist <em>immer<\/em> ein Stress f\u00fcr den Staat. Wer seine Versammlungsfreiheit wahrnimmt, schafft die Gefahr von Tumulten. Wer seine Wirtschaftsfreiheit wahrnimmt, schafft die Gefahr von Fehlentwicklungen auf dem Markt. Wer auf sein Recht, die Aussage zu verweigern pocht, erschwert die Strafverfolgung. <em>Gerade<\/em> wer durch die Wahrnehmung seiner Freiheit eine Gefahr schafft, muss sich auf seine Grundrechte berufen d\u00fcrfen. Harmlose T\u00e4tigkeiten brauchen den Schutz des Rechts nicht.\n\nDieses Prinzip hat aber Grenzen: Wo durch die Verhinderung einer Publikation Leben gerettet werden k\u00f6nnten, w\u00e4re die Einschr\u00e4nkung der Grundrechte legitim. Aber im 21. Jahrhundert sind Publikationsverbote ein untaugliches Mittel. Jedes Machwerk wird seinen Weg ins Internet finden und dort von den Ver\u00e4chtern der freiheitlichen Ordnung begierig aufgenommen werden um ihre Gewaltbereitschaft zu rechtfertigen. Wir m\u00fcssen daher unsere Beziehungen zur \u201eislamischen Welt\u201c so robust bauen, dass sie Satire ertragen. Und wir m\u00fcssen die Rolle des Friedensst\u00f6rers denen zuweisen, die Feuer legen, nicht denen, die \u201eFeuer!\u201c rufen. <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZOck_bDb0JA\" rel=\"nofollow noopener\">Denn woher wissen wir, ob ihr Feueralarm falsch ist?<\/a>\n\n<em><strong>Stefan Schlegel<\/strong> wohnt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration und ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1817],"class_list":["post-79698","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","custom-themes-frieden-sicherheit"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79698"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79698"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}