{"id":79699,"date":"2016-09-19T00:00:00","date_gmt":"2016-09-18T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/humanitaere-schweiz-auf-zu-neuen-geschichten\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:43","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:43","slug":"humanitaere-schweiz-auf-zu-neuen-geschichten","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/humanitaere-schweiz-auf-zu-neuen-geschichten\/","title":{"rendered":"Humanit\u00e4re Schweiz: Auf zu neuen Geschichten!"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<strong>Das Bild der humanit\u00e4ren Schweiz ruht auf drei Grundpfeilern: einem neutralen IKRK, einer aussergew\u00f6hnlich hilfsbereiten Bev\u00f6lkerung und auf deren grossz\u00fcgigem Spendeverhalten. Die \u00abhumanit\u00e4re Tradition\u00bb bildet das historische Fundament dieser Pfeiler. Aber die Geschichtswissenschaft hat erst wenige Bruchst\u00fccke einer Geschichte der humanit\u00e4ren Schweiz erforscht.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nHumanit\u00e4re Symbole und Ehrungen zieren das ganze Land. Die Fahne mit dem Emblem des Roten Kreuzes weht immer wieder neben jener mit dem Weissen Kreuz, wie etwa zum diesj\u00e4hrigen Weltrotkreuztag in Basel (vgl. Bild). Sinnhaft sind diese Symbole nur mit dem Verweis auf die Vergangenheit. Doch welchen Beitrag kann die Geschichtswissenschaft zur Erkl\u00e4rung der fest verankerten Vorstellung \u00fcber die \u00abhumanit\u00e4re Schweiz\u00bb liefern?\n\nErstens ist es ihre Aufgabe die vielen verschiedenen Geschichten hervorzuheben, die mit einer humanit\u00e4ren Schweiz in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen und diese einzubetten.\n\nWer Quellen zu Rate zieht, findet bereits neben den bekannten Geschichten \u00fcber die Rotkreuzgr\u00fcndung in Genf eine Vielzahl von Gr\u00fcndungsgeschichten humanit\u00e4rer Organisationen in anderen L\u00e4ndern und Zeiten. Auch haben humanit\u00e4re Lichtgestalten der Vergangenheit nicht ausschliesslich Schweizer P\u00e4sse gef\u00fchrt. W\u00e4hrend in der Schweiz vor allem Henri Dunant und Guillaume-Henri Dufour bekannt sind, ehren andere L\u00e4nder die Engl\u00e4nderinnen Florence Nightingale (Krimkrieg 1856) oder Eglantyne Jebb (1920-er Jahre) den italienischen Senator Giovanni Ciraolo (1920-er Jahre), den Kalif Abu Bakr (632 nach Chr.) oder den osmanischen Sultan Abd\u00fclmecid (1845). Diese Auswahl k\u00f6nnte um ein Vielfaches erweitert werden.\n\nNicht nur humanit\u00e4re Lichtgestalten sind \u00fcberall anzutreffen, auch haben Geschichten der Hilfe kaum einen roten Faden: Diplomaten und Juristen trieben an Konferenztischen in Friedenszeiten humanit\u00e4re V\u00f6lkerrechtsnormen voran; politische Entscheidungstr\u00e4gerInnen und Verwaltungsangestellte pr\u00e4gten in stillen Kammern Leitlinien der Hilfspolitik; spontan gebildete Organisationen und Freiwillige halfen beim Ausbruch von Krieg in ihrer Umgebung Verletzten oder Ausgehungerten; \u00c4rztinnen und Pfleger eilten an ferne Kriegsfronten und stellten ihre Fachkenntnis in den Dienst der Verwundeten; Private leisteten Sach- oder Geldspenden.\n\n<b>Motive zur Hilfe<\/b>\n\nHumanit\u00e4re HelferInnen traten an unterschiedlichen Orten und Zeiten auf \u00ad\u2013 und sie hatten unterschiedliche Motive: Barmherzigkeit, Angst, Selbstvergewisserung, Taktik, ja sogar das Steuersparen durch Spenden konnten am Ursprung von Hilfe stehen. Oft waren sich die Helfenden ihrer Beweggr\u00fcnde f\u00fcr Hilfe selbst nicht bewusst. F\u00fcr die Schweiz gilt deshalb, was der englische Historiker Keith O\u2018 Sullivan f\u00fcr das gesamte Feld des Humanitarismus schrieb: \u00abHumanitarianism is a broad church\u00bb.<a title=\"Link: #_ftn1\" href=\"http:\/\/34.65.158.36\/#_ftn1\" rel=\"nofollow\">[1]<\/a>\u00a0Humanit\u00e4re Hilfe musste immer wieder neu organisiert, verhandelt und geleistet werden. In einer Geschichte \u00fcber die humanit\u00e4re Hilfe der Schweiz ein wiederkehrendes oder traditionelles Verhalten vorauszusetzen ist tr\u00fcgerisch.\n\nSo gut die Dokumentation von humanit\u00e4rem Engagement in einigen Kriegen auch sein mag, so schlecht ist sie in anderen. Eine zweite Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es deshalb, auf den Quellenmangel in vielen Kriegen hinzuweisen und auf die einseitige Perspektive der verf\u00fcgbaren Quellen. Ein Beispiel f\u00fcr diese Perspektive ist Henri Dunants bekannte \u00abErinnerung an Solferino\u00bb, die gleichzeitig Dokumentation und Aufruf zur Handlung ist. Diese Quelle vermag durch ihre Perspektive des Helfers zwar den Erfolg einer Bewegung zu erkl\u00e4ren, sie gibt aber kaum Antworten darauf, wie die Hilfsempf\u00e4nger die Situation empfanden, wann und von wem Leiden wahrgenommen oder ausgeblendet wurde und ob es noch andere Folgen der humanit\u00e4ren Handlungen gab als jene, die der Helfer erz\u00e4hlt.\n\n<b>Neue R\u00e4ume f\u00fcrs Humanit\u00e4re<\/b>\n\nUm die einseitige Perspektive auf die Helferin, die selbst keine zeitlose Figur ist, zu erweitern, muss der Ausgangspunkt der Geschichte bei Bedingungen, Reaktionen und sozialen Folgen der Hilfe liegen. Der Status des humanit\u00e4ren Helfers ist zudem selbst ein Produkt sozial gewachsener Bedeutung, verhandelbar und ver\u00e4nderlich. Dies ist weit mehr als eine akademische Forderung; allein der Begriff \u00abhumanit\u00e4r\u00bb hat seine eigene Geschichte, die j\u00fcnger ist als die Geschichte des Helfens. Ebenso hat der Begriff der \u00abhumanit\u00e4ren Schweiz\u00bb Konjunkturen, die nicht parallel zum Ausmass an Leid und geleisteter Hilfe verlaufen.\n\nNeue Geschichten der \u00abhumanit\u00e4ren Schweiz\u00bb m\u00fcssen also nicht die einzelne Hilfsinstitution oder ein \u00abhelfendes Land\u00bb zum Massstab nehmen, sondern \u00abhumanit\u00e4re R\u00e4ume\u00bb in den Mittelpunkt stellen. Humanit\u00e4re R\u00e4ume, in denen \u00abdie Schweiz\u00bb operierte, kannten sehr unterschiedliche soziale, politische und geographische Landschaften. Nie waren sie auf einen Staat beschr\u00e4nkt, selten deckten sie sich mit Landesgrenzen. Lokales und globales Handeln trafen im Humanit\u00e4ren aufeinander. Imperiales kreuzte mit B\u00fcrgerschaftlichem. Expertentum stiess auf Engagement. In diesen R\u00e4umen lassen sich aussagekr\u00e4ftigere Paradigmen f\u00fcr Handlung feststellen als die Leitlinien und Grunds\u00e4tze der humanit\u00e4ren Organisationen. Chronologisch waren dies in der ersten und zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts Paradigmen des Fortschritts und der Institutionalisierung der Schweiz. Im 20. Jahrhundert erhielten erst das Recht, sp\u00e4ter die Professionalisierung und in j\u00fcngster Zeit die Re-Politisierung einen hohen Stellenwert.\n\nSolche Perspektiven auf neue Geschichten der \u00abhumanit\u00e4ren Schweiz\u00bb haben nicht zum Ziel, humanit\u00e4res Handeln in Abrede zu stellen oder die Begrifflichkeiten aus Untersuchungen zu verbannen. Sie nehmen im Gegenteil die Begriffe sehr ernst und zum Ausgangspunkt einer Erz\u00e4hlung \u2013 wenn auch unter ver\u00e4nderten Vorzeichen.\n<div>\n\n<hr \/>\n\n<div>\n\n<a href=\"http:\/\/34.65.158.36\/#_ftnref1\" rel=\"nofollow\">[1]<\/a>\u00a0Kevin O\u2019Sullvian et al.: \u00abHumanitarianisms in context\u00bb, in: European Review of History, 23 (1-2), 2016, S.4.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68607,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-79699","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79699","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79699"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79699"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79699"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79699"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}