{"id":79718,"date":"2016-02-18T00:00:00","date_gmt":"2016-02-17T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/wettruesten-in-der-fluechtlingspolitik-von-der-spieltheorie-zur-haarstraeubenden-praxis\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:46","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:46","slug":"wettruesten-in-der-fluechtlingspolitik-von-der-spieltheorie-zur-haarstraeubenden-praxis","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/wettruesten-in-der-fluechtlingspolitik-von-der-spieltheorie-zur-haarstraeubenden-praxis\/","title":{"rendered":"Wettr\u00fcsten in der Fl\u00fcchtlingspolitik: Von der Spieltheorie zur haarstr\u00e4ubenden Praxis"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<strong>\u00d6sterreich f\u00fchrt H\u00f6chstzahlen ein und die AfD fordert den Gebrauch von Schusswaffen: Die Aktualit\u00e4t zeigt einmal mehr, in welcher Krise das europ\u00e4ische Dublinsystem steckt &#8211; und wie schwierig es sein wird, eine Reform durchzuf\u00fchren\u00a0<\/strong>\n\n<\/div>\n&nbsp;\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nDer Grenzzaun in Ungarn, H\u00f6chstzahlen in \u00d6sterreich, Passkontrollen in Skandinavien, Schusswaffen-Fantasien in Deutschland: Sie sind Ausdruck des Zeitgeistes der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik. Der vermeintliche Schutz der eigenen Nationalgrenzen wird propagiert und viele sind bereit, daf\u00fcr europ\u00e4ische Standards aufzugeben. Es sind Massnahmen und Forderungen, die begleitetet werden vom Irrglauben, dass das Problem gel\u00f6st sei, wenn Fl\u00fcchtende andere Reiserouten oder Ziell\u00e4nder w\u00e4hlen.\n\nStattdessen wird nichts besser aber vieles schlechter: Die einzelnen, nicht koordinierten Handlungen der europ\u00e4ischen L\u00e4nder erschweren die Weiterf\u00fchrung des Dublin-Abkommens und die Entwicklung einer Reform. Die Suche nach gemeinsamen L\u00f6sungen opfern die L\u00e4nder zu Gunsten \u201epopul\u00e4rer\u201c innenpolitischer Massnahmen. Irgendwie erinnert dieser Schutz der Nationalstaatsgrenzen an die protektionistischen Reaktionen der L\u00e4nder in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre: statt die Wirtschaftskrise zu l\u00f6sen, verschlimmerten die sich aneinanderreihenden Schutzz\u00f6lle die Situation drastisch. Spieltheoretisch kann man hier von einem\u00a0<i>Race-to-the-bottom<\/i>\u00a0sprechen: Wenn ein Land eine Massnahme trifft, m\u00fcssen die andern mit einer weiteren Direktive nachziehen. Dabei braucht es nicht nur eine Anpassung an das Nachbarland, sondern eine symbolische Versch\u00e4rfung, die eine noch st\u00e4rkere Abschreckung erzielt. Dies f\u00fchrt zu immer drakonischeren Gesetzen und tr\u00fcbt den Blick auf eine gesamteurop\u00e4ische, alle besser stellende L\u00f6sung.\n\nDie Idee, auf Fl\u00fcchtlinge zu schiessen, um damit Grenzen statt Fl\u00fcchtlinge zu besch\u00fctzen, ist ungeheuer &#8211; und mag f\u00fcr die meisten absurd klingen. Doch sie ist die \u00ablogische\u00bb Weiterf\u00fchrung der Grenzzaunidee. Der Schusswaffengebrauch bildet den \u00abbottom\u00bb der angewandten Spieltheorie. Und in der Konsequenz g\u00e4be es nicht nur Grenztote an den Aussengrenzen &#8211; wie bei den zahlreichen Bootsungl\u00fccken im Mittelmeer &#8211; sondern auch an den Innengrenzen.\n\nVollkommen ignoriert wird zweitens der Umstand, dass der allergr\u00f6sste Teil der Fl\u00fcchtenden nur die Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen hat: im Herkunftsland zu bleiben oder sich auf eine \u00fcberaus gef\u00e4hrliche Reise aufzumachen. Die Anzahl der fl\u00fcchtenden Personen zeigt klar, auf welcher Alternative die gr\u00f6ssere Hoffnung liegt. Haben die Fl\u00fcchtenden diese Entscheidung dann getroffen und einen Grossteil des Weges bereits hinter sich gebracht, ist die Landesgrenze zwar eine weitere H\u00fcrde aber kein Grund die Entscheidung zu \u00fcberdenken. Wer setzt sein Kind, seine Familie in ein Boot oder einen Lastwagen, wenn nicht die kleinste Hoffnung besteht, dass der Ankunftsort besser ist?\n\nDie Verteidigung der Grenzen resultiert nicht darin, dass die schutzsuchenden Personen einfach \u00abweg\u00bb, sondern weiterhin an der Grenze oder wieder im Nachbarland sind. Doch statt zu akzeptieren, dass die gewaltsame Hinderung an einer Ein- und Weiterreise nur eine kurzfristige und \u00ablokale\u00bb Wirkung zeigen kann, befinden wir uns bereits mitten im Aufr\u00fcstungskampf: Welches Land verhindert effektiver die Einreise; wer verschlechtert wirksam die Asylstandards?\n\nDas was Europa der Weltgemeinschaft pr\u00e4sentiert kann nicht die L\u00f6sung sein. Es f\u00fchrt zu Chaos, belohnt unmenschliches Verhalten und bedroht ausserdem eine unserer eigenen, grossen Freiheiten: Die Mobilit\u00e4t. Um eine st\u00e4rkere Zusammenarbeit in Europa im Asylbereich zu erreichen, sollten wir anerkennen, dass die Asylsuchenden in jedem Fall nach Europa kommen und sich ihren Weg suchen. Aus Sicht der Schutzbed\u00fcrftigen besteht nur dann der Anreiz, das Asylsystem nicht zu umgehen, wenn dieses ihren eigenen Pl\u00e4nen nicht komplett entgegengesetzt ist. Das bedeutet aber, dass wir in einer Reform die Pr\u00e4ferenzen der Schutzbed\u00fcrftigen st\u00e4rker miteinbeziehen sollten.\n\nDie Schweiz sollte sich dringendst f\u00fcr gemeinsame, langfristige L\u00f6sungen einsetzen, die die Interessen der Einreisenden und der Herkunftsl\u00e4nder zu vereinen versuchen. foraus arbeitet aktuell an einem Paper mit Reformvorschl\u00e4gen zum Dublinsystem, welches genau diesen Gedanken weiterentwickelt.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1820],"class_list":["post-79718","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79718"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79718"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}