{"id":79728,"date":"2012-11-01T00:00:00","date_gmt":"2012-10-31T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/lieber-operette-als-drama-warum-die-zukunft-den-kleinen-staaten-gehoert\/"},"modified":"2026-05-27T11:20:47","modified_gmt":"2026-05-27T09:20:47","slug":"lieber-operette-als-drama-warum-die-zukunft-den-kleinen-staaten-gehoert","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/lieber-operette-als-drama-warum-die-zukunft-den-kleinen-staaten-gehoert\/","title":{"rendered":"Lieber Operette als Drama: Warum die Zukunft den kleinen Staaten geh\u00f6rt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Stefan Schlegel<\/em> \u2013 <strong>In einer Welt, die nicht permanent vom Krieg bedroht ist, sind Kleinstaaten lebenswerter, sicherer und bezahlbarer als grosse Staaten. Eine Voraussetzung f\u00fcr das Erfolgsmodell ist allerdings, dass die Kleinstaaten gemeinsame Probleme gemeinsam l\u00f6sen (und finanzieren) lernen.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<em>\u201eIch bin f\u00fcr den Kleinstaat. Er richtet weniger Schaden an.\u201c <\/em>\n\n<a title=\"Link: http:\/\/www.bundesmuseen.ch\/cdn\/00126\/00163\/index.html?lang=de\" href=\"http:\/\/www.bundesmuseen.ch\/cdn\/00126\/00163\/index.html?lang=de\" rel=\"nofollow noopener\">Friedrich D\u00fcrrenmatt<\/a>\n\n<em>\u201eWir sehen, dass eine Welt kleiner Staaten nicht nur die Probleme sozialer Brutalit\u00e4t und des Krieges l\u00f6sen w\u00fcrde; sie w\u00fcrde die gleichermassen schrecklichen Probleme der Unterdr\u00fcckung und der Tyrannei l\u00f6sen, ja alle Probleme, die sich aus der Macht ergeben. Tats\u00e4chlich gibt es kein Elend auf der Welt, mit dem man im kleinen Ausmass nicht erfolgreicher umgehen k\u00f6nnte, wie es \u00fcberhaupt kein Elend auf der Welt gibt, mit dem man anders umgehen k\u00f6nnte, als im kleinen Masse.\u201c<\/em>\n\n<a href=\"http:\/\/www.leopold-kohr-akademie.at\/lka\/modules\/biografie\/index.php?id=1:2\" rel=\"nofollow noopener\">Leopold Kohr<\/a><em>, Das Ende der Grossen, 1957<\/em>\n\n&nbsp;\n\nSind Kleinstaaten Auslaufmodelle in einer multipolaren Welt? Werden sie aufgerieben zwischen den vielen Gr\u00f6sseren, wenn es keine Superm\u00e4chte mehr gibt, in deren Kielwasser sie ihre Provinzialit\u00e4t ruhig weiter pflegen k\u00f6nnen?\n\nKleinstaaten haben weniger M\u00f6glichkeiten, den Frieden zu st\u00f6ren, sie haben weniger M\u00f6glichkeiten, das Pathos des Nationalismus zu mobilisieren und sie verursachen weniger Reibungsverlust in ihren B\u00fcrokratien, weshalb ihre B\u00fcrger\/innen mehr bekommen f\u00fcr weniger. In Zeiten, an denen der Rost des langen Friedens nagt, sind Kleinstaaten daher besser aufgestellt als grosse, Block-bestimmende Staaten. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat eine stille Renaissance der Kleinstaaten eingesetzt, besonders in Europa. Viele von Ihnen entstanden neu. In der Krise bew\u00e4hren sie sich im Schnitt besser als die Grossen. Kleinstaaten mit zwischen einer und \u2013 sagen wir \u2013 20 Millionen Einwohner sind gross genug, um die Ressourcen f\u00fcr die L\u00f6sung fast aller politischer Probleme aufzubringen. Und sie sind klein genug, um noch reformierbar zu sein. Staaten mit mehr als 20 Millionen Einwohner sind ein Anachronismus, ein \u00dcberbleibsel der Reichs-Vorstellung, in deren Zentrum nicht das Wohl der Einwohner steht, sondern die abstrakte Idee einer \u201eNation\u201c, einer Gemeinschaft, die wichtiger ist als das Wohlbefinden ihrer Mitglieder. Das Konzept stammt von machtbewussten Monarchen und r\u00fchrseligen Idealisten, die glaubten, eine Gemeinschaft, die Menschen gleicher Herkunft zusammenschliesse, werde selber eine Art h\u00f6heres Wesen, ein \u201eVolksk\u00f6rper\u201c beseelt von einem \u201eVolksgeist\u201c. Auf die Dauer werden solche sentimentalen Gebilde nicht zu erhalten sein, daf\u00fcr sind sie zu teuer und zu gef\u00e4hrlich. Wo die vereinnahmende Aggressivit\u00e4t des Zentralstaates allm\u00e4hlich domestiziert wird, muss dieser seinen Bestandteilen mehr Autonomie einr\u00e4umen oder in kleinere Teile zerfallen. Die momentan thematisierten Abspaltungen <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/international\/abstimmung-ueber-unabhaengigkeit-alles-oder-nichts-fuer-schottland-1.17640664\" rel=\"nofollow noopener\">Schottlands<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/international\/noch-ist-belgien-nicht-verloren-1.17683292\" rel=\"nofollow noopener\">Flanderns<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/international\/abspaltungs-kurs-in-katalonien-1.17653247\" rel=\"nofollow noopener\">Kataloniens<\/a> vom Zentralstaat, und der Umstand, dass <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/startseite\/wird-nordrhein-westfalen-benelux-mitglied-1.525497\" rel=\"nofollow noopener\">Nordrhein-Westfalen mit den BENELUX-Staaten Staatsvertr\u00e4ge abschliessen will<\/a>, sind erste Anzeichen dieser Sinnkrise ehemaliger Reiche. Hinzu kommen Unabh\u00e4ngigkeitsregungen in Korsika, dem <a title=\"Link: http:\/\/www.ftd.de\/politik\/europa\/:wunsch-nach-unabhaengigkeit-europas-separatisten-begehren-auf\/70104706.html\" href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/europa\/:wunsch-nach-unabhaengigkeit-europas-separatisten-begehren-auf\/70104706.html\" rel=\"nofollow noopener\">Baskenland, dem S\u00fcdtirol<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/buchvorstellung-bayern-kann-es-auch-allein-mit-scharnagl-ins-gelobte-land-1887028.html\" rel=\"nofollow noopener\">Bayern (!)<\/a>. Es muss von einem <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/politik_kommentare\/Die-Uneinigen-Staaten-Europas-article7487466.html\" rel=\"nofollow noopener\">klaren Trend<\/a> gesprochen werden.\n\n<strong>Sicherheit und Binnenmarkt sind Allmendprobleme<\/strong>\n\nDiese Emanzipation der Kleinen erfolgt aber unter einer wichtigen Bedingung, die der Schweiz bislang fehlt: Ein Modus zur L\u00f6sung jener Probleme, f\u00fcr die Staaten \u2013 auch die grossen europ\u00e4ischen Staaten \u2013 zu klein sind: Die Schaffung eines gen\u00fcgend grossen Binnenmarktes und ein System der gemeinsamen Sicherheit. Die L\u00f6sung dieser Probleme (oder der Versuch dazu) ist ein \u00f6ffentliches Gut, das zu erstellen sehr kostspielig ist und von dem Trittbrettfahrer nur schwer ausgeschlossen werden k\u00f6nnen. Es k\u00f6nnte daher sein, dass auch in einer multipolaren Welt jener Kleinstaat auf einmal sehr alleine in der weiten Welt steht, der nicht an den Kosten f\u00fcr die Erstellung dieser gemeinsamen G\u00fcter partizipiert. Dieses Problem muss die Schweiz l\u00f6sen. Sie muss sich eingestehen, dass es bei allen Tugenden der Kleinheit Herausforderungen gibt, die nur regional oder global gel\u00f6st werden k\u00f6nnen und dass es dazu einen institutionellen Rahmen braucht.\n\nDie \u00fcbrigen Staaten Europas haben zwei Probleme zu l\u00f6sen: Sie m\u00fcssen ein Verfahren entwickeln, wie die Kleinstaaten, die nach Abspaltung vom Zentralstaat streben, friedlich und reibungslos aus dem ehemaligen Imperium gel\u00f6st und in die EU integriert werden k\u00f6nnen. Und sie m\u00fcssen einen Mechanismus finden, der die Kleinr\u00e4umigkeit auf Dauer bewahrt und eine schleichende Akquisition von Kompetenzen durch die neue, selbst errichtete zentrale Institution EU verhindern kann. Dieses Problem stellt sich umso dringender in der Krise, in der klar wird, wie stark die gemeinsamen Institutionen nach wie vor von grossen Mitgliedstaaten dominiert werden. Diese k\u00f6nnen ihren Einfluss noch vergr\u00f6ssern, wenn sie der zentralen Institution, die sie selber dominieren, mehr Macht zuschanzen.\n\nVielleicht k\u00f6nnte hierf\u00fcr die multipolare Schweiz ein gutes Modell liefern, die ihrerseits aus Kleinstaaten aufgebaut ist, die sich in den mehr als 160 Jahren ihrer Gemeinschaft recht erfolgreich dagegen gewehrt haben, von der n\u00e4chstgr\u00f6sseren Macht schleichend um ihre Kompetenzen gebracht zu werden.\n\n<strong>Mut zur L\u00e4cherlichkeit<\/strong>\n\nWer sich das w\u00fcrdevolle und hochherzige Gebaren grosser Staaten und ihrer Staatsm\u00e4nner gewohnt ist, dem mag das Beharren auf kleinr\u00e4umige Verwaltung kr\u00e4merisch und l\u00e4cherlich vorkommen. Aber L\u00e4cherlichkeit und Provinzialit\u00e4t sind ein kleines \u00dcbel, wenn die Alternative dazu martialischer Pathos oder nur schon unfinanzierbar grosse und komplexe Strukturen sind. Schon <a href=\"http:\/\/www.langelieder.de\/lit-kohr.html\" rel=\"nofollow noopener\">1957 schrieb Leopold Kohr<\/a>: \u201eWann werden unsere Theoretiker endlich begreifen, dass der gr\u00f6sste Segen, der uns unsere Staatsm\u00e4nner bescheren k\u00f6nnen, darin liegt, die Trag\u00f6die der modernen Massenexistenz zur\u00fcck in die l\u00e4cherlichen Probleme einer Operette zu verwandeln?\u201c Wir sollten die Operette des Kleinstaats dem Drama der grossen Weltb\u00fchne vorziehen.\n\n<em><strong>Stefan Schlegel<\/strong> wohnt in Bern. Er ist Jurist und Gr\u00fcndungsmitglied von foraus \u2013 Forum Aussenpolitik. Er leitet die Arbeitsgruppe Migration und ist Mitglied der Redaktion des foraus-Blog.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus<\/em>.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[1849],"custom-themes":[],"class_list":["post-79728","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","region-europa"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79728"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79728"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}