{"id":79877,"date":"2014-11-17T00:00:00","date_gmt":"2014-11-16T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/ecopop-nicht-weniger-sondern-mehr-wissenschaft-ist-gefragt\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:09","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:09","slug":"ecopop-nicht-weniger-sondern-mehr-wissenschaft-ist-gefragt","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/ecopop-nicht-weniger-sondern-mehr-wissenschaft-ist-gefragt\/","title":{"rendered":"ECOPOP: Nicht weniger, sondern mehr Wissenschaft ist gefragt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>Die Diskussion um die Ecopop-Initiative dreht sich haupts\u00e4chlich um wirtschaftliche, gesellschaftliche und ideologische Fragen: Ist die Vorlage fremdenfeindlich? Gef\u00e4hrdet sie den Schweizer Wirtschaftsstandort? D\u00fcrfen wir uns in die Bev\u00f6lkerungsentwicklung anderer L\u00e4nder einmischen? Solche Fragen sind wichtig \u2013 und dennoch: Es braucht mehr Wissenschaftlichkeit in der Debatte<\/b>.\n\n<\/div>\n&nbsp;\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<b>Blogreihe zur Ecopop-Initiative<\/b>\n\n<b><\/b><b>Dieser Beitrag ist eine Replik auf den Artikel von Simon St\u00fcckelberger und Teil einer Blogreihe zur bevorstehenden Volksabstimmung \u00fcber die Ecopop-Initiative. Diese Blogreihe analysiert im Hinblick auf den 30. November das Argumentarium der Initianten und reflektiert \u00fcber potentielle Folgen einer Annahme der Initiative.<\/b>\n\nSimon St\u00fcckelberger schreibt, dass die Ecopop-Initianten die Welt aus der Sicht von Biologen wahrnehmen w\u00fcrden. Ecopop passe deshalb sehr gut in die Welt der Naturwissenschaften und sehr schlecht in die Welt der Menschen und der Sozialwissenschaften. Eine solche Zweiteilung ist jedoch konstruiert und irref\u00fchrend, denn sie impliziert, dass eine naturwissenschaftliche Denkweise nicht dazu geeignet sei, gesellschaftliche Probleme anzugehen.\n\nSimon St\u00fcckelberger verst\u00e4rkt diesen Eindruck, indem er die Diskussionen um die globale Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6sse als unzul\u00e4ssige \u201eQuantifizierung des Menschen\u201c kritisiert \u2013 und darin den Vorwurf mitschwingen l\u00e4sst, eine solche Quantifizierung entspringe zwangsl\u00e4ufig einer naturwissenschaftlichen Weltsicht. Dieser Vorwurf ist aber gleich aus zweierlei Gr\u00fcnden fragw\u00fcrdig: Einerseits macht er uns glauben, dass die \u201eQuantifizierung von Menschen\u201c typisch naturwissenschaftlich sei \u2013 obwohl sie auch in den Sozialwissenschaften gang und g\u00e4be ist. Andererseits kommen wir in der Politik gar nicht um Quantifizierungen herum, wenn wir faktenorientierte Entscheidungen f\u00e4llen wollen. Wenn wir \u00fcber Maturandenquoten, Rentenbez\u00fcger, Arbeitslosenzahlen, Spitalpatienten, Kriminalstatistiken oder \u00f6kologische Fussabdr\u00fccke diskutieren, dann tun wir nichts anderes, als Menschen zu quantifizieren. Es leuchtet nicht ein, warum eine solche Quantifizierung verwerflich sein soll, nur weil sie von Naturwissenschaftlern vorgenommen wird.\n\n<b>Wir brauchen Fakten<\/b>\n\nIn unserem Alltag verlassen wir uns jederzeit auf wissenschaftliche Informationen \u2013 wieso sollten wir solche Informationen also ausgerechnet in der Politik ausklammern? Um m\u00f6glichst weitsichtige Beschl\u00fcsse erzielen zu k\u00f6nnen, braucht es in den meisten F\u00e4llen eben nicht nur sozialwissenschaftliche \u00dcberlegungen, sondern vor allem auch naturwissenschaftliche Fakten.\n\nViele Probleme, um die sich die Politik in der heutigen Zeit k\u00fcmmern muss, k\u00f6nnen ohne naturwissenschaftliches und technologisches Wissen gar nicht diskutiert, geschweige denn gel\u00f6st werden. Wir brauchen die Naturwissenschaften, um Fragen der Energieeffizienz beantworten oder das Potential von erneuerbaren Stromquellen absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Wenn wir die Nachhaltigkeit unseres Konsumverhaltens beurteilen, m\u00fcssen wir naturwissenschaftlichen Argumenten genauso Geh\u00f6r schenken, wie wenn wir \u00fcber M\u00f6glichkeiten zur landwirtschaftlichen Ertragssteigerung diskutieren. Und auch bei Fragen zu Datensicherheit, Drogenpolitik oder Klimawandel ist es ausgesprochen sinnvoll, technologische, medizinische oder naturwissenschaftliche Informationen zu ber\u00fccksichtigen.\n\nAuch in der Diskussion um das globale Bev\u00f6lkerungswachstum br\u00e4uchte es mehr \u2013 und nicht weniger \u2013 naturwissenschaftliche Argumente. Es ist schliesslich nicht so, dass Ecopop bei der Analyse der heutigen und zuk\u00fcnftigen Herausforderungen des Bev\u00f6lkerungswachstums in der Schweiz und auf der Welt v\u00f6llig falsch liegen w\u00fcrde: Es ist eine Tatsache, dass die Weltbev\u00f6lkerung best\u00e4ndig gr\u00f6sser wird und dass der Grossteil des Bev\u00f6lkerungswachstums in Entwicklungsl\u00e4ndern stattfindet \u2013 und auf Jahre hinaus stattfinden wird. Fakt ist ebenso, dass uns die Ern\u00e4hrung einer immer gr\u00f6sser werdenden Weltbev\u00f6lkerung vor Probleme stellen wird und dass der weltweit steigende Ressourcenverbrauch betr\u00e4chtliche Umweltsch\u00e4den nach sich zieht. Wir sollten deshalb aufh\u00f6ren, so zu tun, als br\u00e4uchte es keine Massnahmen, um den Herausforderungen des Bev\u00f6lkerungswachstums Herr zu werden.\n\n<b>Sollten wir Ecopop deshalb unterst\u00fctzen?<\/b>\n\nNein; zumindest nicht aus wissenschaftlicher Sicht. Denn die Initianten m\u00fcssen sich zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, den Deckmantel der wissenschaftlichen Objektivit\u00e4t zu missbrauchen, um wenig zielf\u00fchrende und vor allem einseitige Massnahmen vorzuschlagen. Es ist jedoch absolut falsch, wenn Simon St\u00fcckelberger dies als Ausdruck naturwissenschaftlichen Denkens darstellt. Das Gegenteil ist der Fall: W\u00fcrden die Ecopop-Initianten konsequent naturwissenschaftlich argumentieren, dann h\u00e4tte es auch keinen Platz f\u00fcr Ethnozentrismus und sie m\u00fcssten die globalen Unterschiede in Bezug auf Bev\u00f6lkerungswachstum und Ressourcenverbrauch mitber\u00fccksichtigen. Die Diskussion um Ecopop br\u00e4uchte also mehr und nicht weniger Naturwissenschaft.\n\nIn unserer\u00a0<a href=\"http:\/\/reatch.ch\/?q=de\/content\/ecopop-wundermittel-oder-placebo\" rel=\"nofollow noopener\">Analyse zur Ecopop-Initiative<\/a>\u00a0haben wir versucht, die zahlreichen Ungereimtheiten der Initiative aufzuzeigen:\n<ul>\n \t<li>1) Die Initianten schliessen voreilig auf einen direkten Zusammenhang zwischen Bev\u00f6lkerungswachstum in Entwicklungsl\u00e4ndern und einer \u00f6kologischen Mehrbelastung f\u00fcr die Umwelt. Eine solche Vereinfachung ist jedoch aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar \u2013 zu viele Faktoren bleiben unber\u00fccksichtigt.<\/li>\n \t<li>2) Die F\u00f6rderung freiwilliger Familienplanung kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit stabilen politischen Verh\u00e4ltnissen, einem verl\u00e4sslichen Gesundheitssystem sowie einer St\u00e4rkung von Frauenrechten einhergeht.<\/li>\n \t<li>3) Mit einer willk\u00fcrlich festgelegten Wachstumsquote f\u00fcr die kleine Schweiz werden wir die nationalen und globalen Herausforderungen des Bev\u00f6lkerungswachstums kaum in den Griff bekommen. Vielmehr sollten wir wissenschaftlichen L\u00f6sungsans\u00e4tzen mehr Aufmerksamkeit schenken: Eine ausgekl\u00fcgelte Raumplanung, die F\u00f6rderung zukunftstr\u00e4chtiger Energiequellen, die Erh\u00f6hung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und die Etablierung eines nachhaltigen Landwirtschaftssystems k\u00f6nnten viele Folgen des Bev\u00f6lkerungswachstums abfedern. Auch diese Aspekte blenden die Initianten vollkommen aus.<\/li>\n<\/ul>\nWir m\u00fcssen uns bewusst machen, dass wir uns in einer hochkomplexen Welt bewegen und dass Pauschalisierungen keinen Beitrag zur L\u00f6sung gesellschaftlicher Probleme leistenDer aktuelle Abstimmungskampf rund um die Ecopop-Initiative zeigt einmal mehr, dass mehr Faktentreue und Wissenschaflichkeit in politischen Debatten notwendig w\u00e4ren. Denn die Aussage, dass eine naturwissenschaftliche Denkweise nicht mit der L\u00f6sung gesellschaftlicher Probleme vereinbar sei, ist genauso verfehlt wie die Behauptung der Initianten, dass nationales und globales Bev\u00f6lkerungswachstum in jedem Fall ein Problem darstellt.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1820],"class_list":["post-79877","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-migration"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79877","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79877"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79877"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}