{"id":79895,"date":"2014-02-11T00:00:00","date_gmt":"2014-02-10T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/mehr-foerdern-weniger-fordern-europa-agiert-in-der-ukraine-ungluecklich\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:12","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:12","slug":"mehr-foerdern-weniger-fordern-europa-agiert-in-der-ukraine-ungluecklich","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/mehr-foerdern-weniger-fordern-europa-agiert-in-der-ukraine-ungluecklich\/","title":{"rendered":"Mehr f\u00f6rdern weniger fordern: Europa agiert in der Ukraine ungl\u00fccklich"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>In der Ukraine spiegelt sich der Interessenskonflikt zwischen Russland und dem Westen wieder. Dabei ist das Land weniger zweigeteilt, als uns viele glauben machen wollen. Es geht nicht um Ideologien, sondern um Ressourcen. Doch w\u00e4hrend Russland Gas bietet, stellt Europa Bedingungen.<\/b>\n\n<\/div>\n&nbsp;\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nDie Ukraine gilt als ein geteiltes Land, dessen eine H\u00e4lfte sehns\u00fcchtig nach Europa blickt, w\u00e4hrend die andere H\u00e4lfte sich widerstandslos vom Kreml kaufen l\u00e4sst. Diese Vorstellung der Ukraine als Land aus zwei unvertr\u00e4glichen Teilen passt gut zur russischen und zur europ\u00e4ischen Anspruchshaltung gegen\u00fcber der Ukraine: Westliche Aussenpolitiker fordern von der ukrainischen F\u00fchrung, sie m\u00fcsse sich zwischen Europa und Russland entscheiden. Russland mahnt im Gegenzug an die gemeinsamen Wurzeln und die nicht einfache, aber lange gemeinsame Geschichte. Doch die ukrainische Realit\u00e4t ist anders: In ihren Werten orientieren sich viele Menschen mal am Westen, mal an Moskau. Neben romantischen Nationalisten, die unter den Protestierenden \u00fcberproportional vertreten sind, und neben Sowjetnostalgikern, gibt es in der Ukraine Millionen von Menschen, die nicht einfach aus dem Stehgreif sagen k\u00f6nnen, ob sie nun Russen oder Ukrainer sind oder sonst zu einer der vielen ethnischen Minderheiten geh\u00f6ren. Die meisten Ukrainer sprechen sowohl Russisch als auch Ukrainisch und nicht selten ein Gemisch aus beidem.\n\nDoch ethnische Gegens\u00e4tze haben weniger mit der ukrainischen Politik zu tun als einem jetzt Glauben gemacht wird: Die grossen Parteien in der Ukraine sind keine ideologischen Bewegungen. Viel eher sind sie Million\u00e4rsklubs, deren Machtbasis in unterschiedlichen Regionen und unterschiedlichen Wirtschaftszweigen liegt. Die regierende Partei der Regionen hat so gesehen einen sehr ehrlichen Namen gew\u00e4hlt. Sie ist die Partei der Lokalk\u00f6nige. Diese haben im Osten und S\u00fcden des Landes die Schwerindustrie als Machtbasis. Heute sind aber mit den Oligarchen alle gro\u00dfen Parteien f\u00fcr freie Marktwirtschaft, Demokratie und einen EU-Beitritt, der auch weiterhin unrealistisch bleibt. Es sind aber Opportunisten und eben nicht Idealisten.\n\nDie Partei der Regionen ist in der Kohle- und Stahlindustrie verwurzelt. Da diese grosse Mengen an Gas verschlingen, ist der Gaspreis zu einem wichtigen politischen Faktor geworden. Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, wie Russland mit einem f\u00fcr die Industrie vorteilhaften Gas-Deal die jahrelangen Bem\u00fchungen der EU-Diplomatie aushebeln konnte. Denn die Alternative zum russischen Gas-Deal waren lediglich Aussichten der EU auf eine zuk\u00fcnftige Zusammenarbeit \u2013 und nur falls die Ukraine eine ganze Reihe schmerzhafter Bedingungen erf\u00fcllen w\u00fcrde. Janukowitsch, der lange die EU-Integration predigte, hat sich schlussendlich f\u00fcr das handfestere Angebot entschieden. Seine Klientel dankte es ihm mit ihrem Support beim \u00fcberstandenen Misstrauensvotum im Dezember.\n\nDie Ukraine ist ein von der Landwirtschaft und Schwerindustrie gepr\u00e4gtes Land. Die Handelsbilanz mit der Schweiz f\u00e4llt klar zum Nachteil der Ukraine aus. Exportiert werden vor allem unverarbeitete Produkte: Metalle, Edelsteine, Fasern, Samen und Fette. Diese wirtschaftliche Strategie konzentriert die wichtigsten Einkommensquellen, Bergwerke, Stahlh\u00fctten und Agrarholdings, in den H\u00e4nden einiger weniger und f\u00f6rdert damit oligarchische Strukturen. Wer sich einen ehemaligen sowjetischen Produktionsbetrieb unter den Nagel rei\u00dfen konnte, muss zudem heute kaum investieren und erreicht bei grossen Absatzmengen in den Westen dennoch beachtliche Gewinne. Deswegen werden auch kaum Arbeitspl\u00e4tze geschaffen, und wenn, dann nur f\u00fcr gering qualifizierte und leicht austauschbare Arbeitskr\u00e4fte. In bestem Wissen um die Korruption im eigenen Land investieren die Oligarchen ihren Gewinn lieber ausserhalb der Ukraine.\n\nDie EU aber auch die Schweiz m\u00fcssten daf\u00fcr sorgen, dass auch verarbeitete Produkte aus der Ukraine auf den europ\u00e4ischen Markt gelangen. Das w\u00fcrde in der Ukraine Arbeitspl\u00e4tze und Einkommen schaffen. Solche marktwirtschaftlichen Zugest\u00e4ndnisse aber bereits im Voraus an die Bedingung zu kn\u00fcpfen, dass die Ukraine auf alle Zeiten ihrem Gaslieferanten abschw\u00f6re, ist unrealistisch und auf demokratischem Weg nicht durchsetzbar. Auch w\u00e4re es f\u00fcr die europ\u00e4ischen L\u00e4nder an der Zeit, mit der Visafreiheit \u2013 die f\u00fcr uns in der Ukraine schon seit 2005 gilt \u2013 endlich nachzuziehen. Es ist heuchlerisch von der ukrainischen Bev\u00f6lkerung europ\u00e4ische Werte zu fordern, wenn f\u00fcr die meisten Ukrainer eine Reise nach Europa durch b\u00fcrokratische und finanzielle H\u00fcrden verunm\u00f6glicht wird. Eine Reise nach Russland ist bislang deutlich bequemer und billiger. Der Weg nach Osten wird somit immer n\u00e4her sein als nach Westen. Europa muss bereit sein, der Ukraine etwas mehr zu bieten.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68606,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1817],"class_list":["post-79895","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-frieden-sicherheit"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79895"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79895"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79895"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}