{"id":79916,"date":"2013-11-08T00:00:00","date_gmt":"2013-11-07T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/helvetia-felix-chinas-neuer-brueckenkopf-in-europa\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:15","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:15","slug":"helvetia-felix-chinas-neuer-brueckenkopf-in-europa","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/helvetia-felix-chinas-neuer-brueckenkopf-in-europa\/","title":{"rendered":"Helvetia felix? Chinas neuer Br\u00fcckenkopf in Europa"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<em>Von Martin Muster*\u00a0<\/em>&#8211;\u00a0<strong>Die Schweizer Aussenpolitik 2013 steht ganz im Zeichen Chinas! Wichtige bilaterale Vertr\u00e4ge und der Besuch des chinesischen Regierungschefs zeugen von den neuen aussenpolitischen Schwerpunkten in Bern und Peking.<\/strong>\n\n<\/div>\n<!--more-->\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nAls 1999 der damalige chinesische Staatspr\u00e4sident Jiang Zemin die Schweiz besuchte, erlebte er in Bern eine b\u00f6se \u00dcberraschung. Denn erwartet wurde er nicht nur vom kompletten Bundesrat, sondern auch von zahlreichen Exil-Tibetern, die gegen Chinas Tibet-Politik demonstrierten. In Sicht- und H\u00f6rweite des chinesischen Gastes wurde die tibetische Flagge gehisst und Sprechch\u00f6re angestimmt \u2013 ohne dass die Polizei eingriff. Jang Zemin war so ver\u00e4rgert, dass er auf alle protokollarischen Vorgaben verzichtete, um den verantwortlichen Schweizer Politikern die Leviten zu lesen. Die Schweiz sei das erste Land, das ihn nicht freundlich empfange, z\u00fcrnte er. Offensichtlich habe die politische F\u00fchrung der Schweiz ihr Land nicht im Griff. Sein \u00c4rger gipfelte in dem Statement: \u201eDie Schweiz hat einen Freund verloren.\u201c\n\n<strong>Chinesisch-schweizerische Harmonie im Jahr 2013<\/strong>\n\nSeit Jiang Zemins missgl\u00fccktem Besuch sind nur 14 Jahre vergangen. Gef\u00fchlt liegt der Zwischenfall um ein Vielfaches weiter zur\u00fcck, betrachtet man das aktuelle Ausmass der chinesisch-schweizerischen Ann\u00e4herung. Als im Mai 2013 der chinesische Ministerpr\u00e4sident Li Keqiang die Schweiz besuchte, musste er nicht f\u00fcrchten, von Demonstrationen gest\u00f6rt zu werden. Nicht, weil es diesmal keine Demonstranten gab. Sondern weil die Polizei das Gebiet um den Bundesplatz weitr\u00e4umig absperrte. Auch inhaltlich musste Keqiang keine unangenehmen \u00dcberraschungen erleben. Hatten 1999 die Schweizer Bundesr\u00e4te noch explizit ihre Erwartungen bei den Themen Menschenrechte und Sicherheitspolitik ge\u00e4ussert, stand der Besuch 2013 ganz im Zeichen einer engeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Staaten.\n\nEs konnte der Eindruck gewonnen werden, die Schweizer bedanken sich daf\u00fcr, dass sie neben Deutschland bislang das einzige europ\u00e4ische Land sind, dem der neue chinesische Ministerpr\u00e4sident einen Besuch abstattet. Keqiangs Deutschland-Besuch war allerdings \u00fcberschattet vom Streit zwischen China und der Europ\u00e4ischen Union \u00fcber Strafz\u00f6lle und Anti-Dumping-Massnahmen. Mit der Schweiz hingegen ging es um letzte inhaltliche Abkl\u00e4rungen f\u00fcr ein bilaterales Handelsabkommen, dass schliesslich am 6. Juli in Peking von beiden Regierungen unterzeichnet wurde.\n\nF\u00fcr die Schweiz ist das Abkommen mit China nur ein weiteres von mittlerweile \u00fcber 30 Freihandelsabkommen, die sie mit anderen Staaten oder Staatenverb\u00e4nden wie der EU geschlossen hat. China hingegen ist trotz seiner schnell wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung bislang nur wenige Freihandelsabkommen eingegangen. Das Abkommen mit der Schweiz ist sogar das erste dieser Art, dass China mit einem Land in Zentraleuropa abschliesst.\n\n<strong>Chinas Kalk\u00fcl<\/strong>\n\nWarum sich China als ersten europ\u00e4ischen Partner f\u00fcr ein Freihandelsabkommen ausgerechnet die kleine Schweiz und nicht etwa die EU ausgesucht hat, d\u00fcrfte an folgenden Gr\u00fcnden liegen: Zum einen stellen die aktuellen Handelsstreitigkeiten zwischen China und der EU eine grosse Belastung f\u00fcr m\u00f6gliche Vertragsverhandlungen dar. Zum anderen d\u00fcrfte hinter der Entscheidung auch taktisches Kalk\u00fcl stehen: Anstatt direkt Abkommen mit grossen und m\u00e4chtigen B\u00fcndnissen wie der EU abzuschliessen, ist es aus Pekings Sicht sinnvoller, zun\u00e4chst Abkommen mit kleineren Staaten einzugehen, die \u00fcber entsprechend weniger Verhandlungsmacht besitzen. Sind irgendwann zahlreiche solche Abkommen geschlossen, \u00a0kann sich China bei Abkommens-Verhandlungen mit grossen Wirtschaftsbl\u00f6cken auf diese bereits unterzeichneten Abkommen beziehen und so aus einer besseren Position heraus agieren.\n\nEinmal mehr zeigt sich die Schweiz als besonders experimentierfreudig beim Umgang mit Trends der Weltpolitik. Es bleibt aber fraglich, wem die neue N\u00e4he zu China letztendlich am meisten n\u00fctzen wird. Die Schweizer Aussenpolitik wird sich die Frage gefallen lassen m\u00fcssen, warum ehemals wichtige normative Leitlinien nun kaum noch eine Rolle spielen. Die Schweizer Exporteure freuen sich \u00fcber einen leichter werdenden Zugang zu einem der gr\u00f6ssten M\u00e4rkte der Welt. Ob die neuen Abkommen ihnen aber tats\u00e4chlich essentielle Erleichterungen bringen, wird erst die Zeit zeigen. Die chinesische Aussenpolitik aber kann sich bereits jetzt \u00fcber einen weiteren Erfolg ihrer Strategie freuen. Denn China hat es schon immer bestens verstanden, zu einzelnen Staaten besondere Beziehungen aufzubauen und diese Staaten dann langfristig gegeneinander auszuspielen. Die Schweiz, so scheint es, f\u00fcgt sich neuerdings nur zu gerne diesem Spiel.\n\n<em>* Martin Muster hat in der Schweiz studiert und lebt in China. Deshalb erscheint dieser Blogbeitrag anonym.<\/em>\n\n<em>Der foraus-Blog ist ein Forum, das sowohl den foraus-Mitgliedern als auch Gastautoren\/innen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die hier ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge sind pers\u00f6nliche Stellungsnahmen der Autoren\/innen. Sie entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder des Vereins foraus.<\/em>\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1823],"class_list":["post-79916","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry","custom-themes-volkerrecht-multilateralismus"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79916","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79916"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79916"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79916"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79916"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}