{"id":79937,"date":"2014-08-13T00:00:00","date_gmt":"2014-08-12T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/hedgefonds-vor-land-warum-argentinien-nicht-zum-praezedenzfall-fuer-zukuenftige-schuldenkrisen-werden-darf\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:18","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:18","slug":"hedgefonds-vor-land-warum-argentinien-nicht-zum-praezedenzfall-fuer-zukuenftige-schuldenkrisen-werden-darf","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/hedgefonds-vor-land-warum-argentinien-nicht-zum-praezedenzfall-fuer-zukuenftige-schuldenkrisen-werden-darf\/","title":{"rendered":"Hedgefonds vor Land: Warum Argentinien nicht zum Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr zuk\u00fcnftige Schuldenkrisen werden darf"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"fo-blog__detail__content__excerpt\">\n\n<b>Argentiniens neueste Schuldenkrise offenbart ein grundlegendes Problem: Es fehlt ein internationaler Mechanismus zur Abwicklung von Schuldenschnitten. Ein Mangel, bei dessen Behebung die Schweiz eine f\u00fchrende Rolle einnehmen k\u00f6nnte.<\/b>\n\n<\/div>\n&nbsp;\n<div class=\"fo-blog__detail__content__content\">\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nAm 30. Juli lief sie ab: Die 30-t\u00e4gige Frist, welche der New Yorker Richter Thomas Griesa Argentinien f\u00fcr die R\u00fcckzahlung seiner Schulden an einen amerikanischen Hedgefonds gesetzt hatte. Argentinien ist zum achten Mal in seiner Geschichte zahlungsunf\u00e4hig und auf dem Papier bankrott.\n\nBankrott, schon wieder? Dabei sah es lange besser aus als noch 2001: Die Staatsschulden sanken von \u00fcber 160% auf etwa 50% des BIP, die Arbeitslosigkeit stabilisierte sich bei 7%, die Wirtschaft wuchs in jedem Jahr seit 2002 und Argentiniens Schulden machen heute noch 1.3% der Schulden aller Schwellenl\u00e4nder aus. Kein Vergleich zu den verheerenden Daten vor dem letzten Bankrott 2001: 20% Arbeitslosigkeit, 4% Rezession und 20% der Schulden aller Schwellenl\u00e4nder.\n\nArgentinien handelte darauf hin mit seinen Gl\u00e4ubigern einen Schuldenschnitt aus. 93% der Gl\u00e4ubiger willigten ein, ihre Staatsanleihen gegen neue einzutauschen, welche noch einen Drittel so viel wert waren. Eine kleine Gruppe Gl\u00e4ubiger allerdings willigte nicht ein und beschloss, die urspr\u00fcngliche Forderung auf dem Gerichtsweg zu erstreiten. Unter Ihnen: Der Hedgefonds Elliot Management. Nach jahrelangen Gerichtsverhandlungen in England und den USA und Scharm\u00fctzeln wie der Beschlagnahmung des argentinischen Marineschiffes \u201aLibertad\u2019 vor der K\u00fcste Ghanas, verpflichtet das letztinstanzliche Urteil von US Bundesrichter Thomas Griesa, Argentinien die Forderung der Kl\u00e4ger (insgesamt 1.5 Milliarden USD) vollumf\u00e4nglich zur\u00fcckzuzahlen.\n\n<b>Kurzfristig ist das Problem zu l\u00f6sen\u2026<\/b>\n\nEine Vertragsklausel (<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Argentine_debt_restructuring\" rel=\"nofollow noopener\">RUFO<\/a>) verpflichtet Argentinien alle Gl\u00e4ubiger voll auszuzahlen sobald das Land einen der Gl\u00e4ubiger freiwillig auszahlt. Im Moment ist ein Streit im Gange, ob die gerichtlich angeordnete Zahlung freiwillig sei. Elliott Management behauptet nat\u00fcrlich nein (damit sie als einziger Gl\u00e4ubiger ausbezahlt werden k\u00f6nnen), w\u00e4hrend Argentinien sich weigert die Zahlung zu \u00fcberweisen mit dem Verweis darauf, dass es sonst alle Gl\u00e4ubiger auszahlen m\u00fcsste (und dann effektiv bankrott w\u00e4re).\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-image\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3664 size-full\" src=\"http:\/\/test.foraus.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Argentinien.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" \/><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\n<i>Argentinien droht nach dem Gerichtsentscheid, das Geld auszugehen.\u00a0<\/i>(Quelle: Wikimedia Commons, Sergio Andres Segovia,\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\" rel=\"nofollow noopener\">Lizenz<\/a>)\n\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"fo-row\">\n<div class=\"fo-blog__content-html\">\n\nBis Elliot Management das Geld erh\u00e4lt sind die Zinszahlungen an die restlichen Gl\u00e4ubiger blockiert. Diese Millionen f\u00fcr die f\u00e4llige Zinszahlung lagern bei einer Bank in New York. Dasselbe k\u00f6nnte nun auch mit dem Geld f\u00fcr Elliot Management arrangiert werden: Argentinische Banken und JP Morgan sind in Verhandlungen mit der argentinischen Regierung. So k\u00f6nnte Argentinien die Schulden auf ein bis Ende Jahr blockiertes Bankkonto \u00fcberweisen und damit die Aktivierung der RUFU-Klausel vermeiden. Zugleich w\u00fcrden die Zinszahlungen an die restlichen Gl\u00e4ubiger freigegeben.\n\n<b>Langfristig braucht es eine internationale L\u00f6sung<\/b>\n\nMehr als eine Feuerwehr\u00fcbung ist dies jedoch nicht. Die Folgen des Gerichtsurteils bringen langfristige Probleme: Werden Elliott Management und die \u00fcbrigen Kl\u00e4ger tats\u00e4chlich zu 100% ausgezahlt, so wird ein Schuldenschnitt mit Beteiligung privater Gl\u00e4ubiger in Zukunft praktisch unm\u00f6glich. Wo ist der Anreiz f\u00fcr private Gl\u00e4ubiger, \u00a0einem Schuldenschnitt zuzustimmen, wenn die M\u00f6glichkeit besteht, als einziger Gl\u00e4ubiger kurz vor dem Ende der Verhandlungen zum Schuldenschnitt auszusteigen und die ganze Forderung auf dem Gerichtsweg zu erstreiten? In diesem Fall haben alle restlichen Gl\u00e4ubiger die K\u00fcrzung akzeptiert, das Land daher den Bankrott abgewendet und der Profit f\u00e4llt beim einzigen Gl\u00e4ubiger an, der nichts zur Sanierung der Staatsfinanzen beigetragen hat.\n\nWenn 93% der Kreditgeber einen Schuldenschnitt akzeptieren. Wenn ein Hedgefonds in der Krise Staatsanleihen im Wert von 170 Millionen USD Sch\u00e4tzungen zu Folge f\u00fcr weniger als 50 Millionen USD erwirbt; wenn er eine Forderung von \u00fcber 800 Millionen USD vor Gericht durchsetzt und somit die Blockierung der Auszahlung an die restlichen Kreditgeber bewirkt; wenn man zudem weiss, dass Elliott Management die Firma eines Milliard\u00e4rs mit 300 Angestellten ist und Argentinien ein Land mit 41 Millionen Einwohnern \u2013 dann muss man sich fragen, wo genau die Logik auf der Strecke geblieben ist und warum wir nicht schon lange einen internationalen Mechanismus f\u00fcr die Beilegung solcher Streitf\u00e4lle haben.\n\nDer jetzige Entscheid bringt vor allem Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder in die Bredouille \u2013 insbesondere wenn sie keine M\u00f6glichkeit haben, Staatsanleihen in der eigenen W\u00e4hrung auszugeben. Werden die Staatsanleihen in US Dollars ausgegeben und fallen zum Beispiel unter die Gerichtsbarkeit des US Staats New York, so ist mit dem letztinstanzlichen Entscheid nun definitiv klar, dass unkooperative Gl\u00e4ubiger die volle R\u00fcckzahlung der Anleihen verlangen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Wirtschaftskommentatoren nicht m\u00fcde werden zu betonen, wie wichtig die Begleichung der Schulden f\u00fcr Argentinien sei, da das Land abgeschnitten vom internationalen Kapitalmarkt keine Chance auf ausl\u00e4ndische Investitionen und Wachstum habe, sehen weitsichtigere Stimmen den immensen langfristigen Schaden, welcher dieser Streit ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Joseph Stieglitz, Professor an der Columbia Universit\u00e4t in New York sagt zum Beispiel, \u201eWe don\u2019t know how big the explosion will be \u2013 and it\u2019s not just about Argentina\u201c.\n\nIn der kapitalistischen Weltordnung ist es v\u00f6llig normal, dass Firmen bankrott gehen. Geht aber ein Staat bankrott, steuert die ganze Gesellschaft auf eine Krise mit immensem menschlichem Leid zu. Schulen m\u00fcssen schliessen, der \u00f6ffentliche Verkehr funktioniert nicht mehr, die Abfallentsorgung kommt zum Stillstand, Renten und IV-Zahlungen sind blockiert \u2013 das Leben steht still.\n\nDarum muss die Option des Schuldenschnitts auch in Zukunft glaubw\u00fcrdig und machbar sein. Es ist notwendig, dass Regeln geschaffen werden, welche es privaten Investoren verunm\u00f6glichen, sich nicht an der Restrukturierung der Schulden eines Landes zu beteiligen und auf dem Rechtsweg einen Profit von weit \u00fcber 1000% zu erstreiten. Die Schweiz sollte sich daf\u00fcr einsetzen.\n\n<b>Eine Rolle f\u00fcr die Schweiz<\/b>\n\nKritik an der Regierungsf\u00fchrung in Argentinien ist durchaus angebracht, die Wirtschaftspolitik des Landes ist fahrl\u00e4ssig und die daraus resultierende Inflation von 10% (inoffiziell 40%) k\u00f6nnte direkt in die Zahlungsunf\u00e4higkeit f\u00fchren, da die Devisenreserven zur Neige gehen. Argentinien hat sich zudem bis einen Tag vor Ablauf der Frist geweigert mit den Gl\u00e4ubigern an einen Tisch zu sitzen und zu verhandeln. Und Argentinien hat es verpasst, eine internationale Allianz und damit politischen Druck f\u00fcr das Anliegen einer international geregelten Schuldenrestrukturierung aufzubauen. Als Allianzpartner k\u00e4men Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder in Frage \u2013 aber auch L\u00e4nder wie die Schweiz: Die Schweiz h\u00e4tte durch eine internationale Regelung keine Nachteile, k\u00f6nnte aber beweisen, dass sie Entwicklungshilfe ernst meint.\n\nEs ergeben sich zudem Chancen f\u00fcr den Schweizerischen Finanzplatz. Der Markt f\u00fcr internationale Staatsanleihen lebt wie alle Finanzm\u00e4rkte von der Rechtssicherheit. Zeigt sich, dass die USA und im Speziellen New York Urteile, wie dasjenige im Fall Argentinien, durchsetzen, werden sich L\u00e4nder und Anleger vermehrt nach anderen Finanzpl\u00e4tzen umsehen. Die Schweiz bildet sich als Alternative an \u2013 die Finanzinfrastruktur ist hervorragend, der Schweizer Franken eine stabile W\u00e4hrung und das Schweizerische Rechtssystem geniesst ein gutes Ansehen.\n\nDie Schweizerische Aussenpolitik hat die M\u00f6glichkeit, in der Erstellung eines internationalen Mechanismus zur Regelung von Schuldenschnitten eine f\u00fchrende Rolle einzunehmen und somit ihre finanztechnischen F\u00e4higkeiten sinnvoll zu nutzen, international positiv in Erscheinung zu treten und effiziente Entwicklungspolitik zu betreiben \u2013 die vielgeforderte Politikkoh\u00e4renz in Praxis.\n\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"featured_media":68607,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[1953],"class_list":["post-79937","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","custom-themes-internationale-zusammenarbeit-entwicklung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/79937","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79937"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=79937"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=79937"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=79937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}