{"id":80138,"date":"2020-08-10T13:08:31","date_gmt":"2020-08-10T11:08:31","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/helvetischer-rassismus-von-kolonialer-amnesie-bis-hin-zur-gegenwaertigen-verharmlosung\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:45","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:45","slug":"helvetischer-rassismus-von-kolonialer-amnesie-bis-hin-zur-gegenwaertigen-verharmlosung","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/helvetischer-rassismus-von-kolonialer-amnesie-bis-hin-zur-gegenwaertigen-verharmlosung\/","title":{"rendered":"Helvetischer Rassismus \u2013 Von kolonialer Amnesie bis hin zur gegenw\u00e4rtigen Verharmlosung"},"content":{"rendered":"\n<em>Die Schweiz, als geschickte Trittbrettfahrerin des Kolonialismus, n\u00e4hrte in der Vergangenheit, ebenso wie die grossen Kolonialm\u00e4chte, ein rassistisches Fremdenbild. Heute wird dieses dunkle Kapitel der Geschichte jedoch ungern angesprochen, und wenn doch, oftmals als \u00fcberwunden erkl\u00e4rt. Eine Problematik, welche gegenw\u00e4rtige Diskussionen rund um das Thema Diskriminierung in der Schweiz stark blockiert und so strukturelle Vorf\u00e4lle verschleiert l\u00e4sst.<\/em>\n\nDer rassistisch motivierte Mord an George Floyd in den USA l\u00f6ste eine international beispiellose Wutwelle aus. In St\u00e4dten rund um die Welt gingen Menschen auf die Strasse und teilten auf den sozialen Medien ihre Trauer und Wut. Die erbarmungslose Gr\u00e4ueltat dient auch in der Schweiz als symbolischer T\u00fcr\u00f6ffner, um sich tiefgr\u00fcndig mit der Diskriminierung von Schwarzen und People of Color (PoC) im eigenen Land zu befassen. Fest steht: Rassismus ist auch in der Schweiz kein Relikt der Vergangenheit. Doch im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern scheint sich die Schweiz selten und ungern mit ihrem kolonialen Erbe und der dazugeh\u00f6renden Rassenideologie auseinander zu setzen. Tats\u00e4chlich wird weder in den Schulb\u00fcchern, in den Medien, noch in der Politik aktiv \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.izfg.unibe.ch\/e85925\/e85980\/e780808\/e780810\/Eine_Bestandesaufnahme_der_postkoloniale_ger.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">kolonialen Verflechtungen<\/a> der Schweiz, die von wirtschaftlicher Ausbeutung, religi\u00f6sen Missionen bis hin zur Rassenforschung\u00a0 reichen, gesprochen. Die breite \u00d6ffentlichkeit liegt bis heute im Glauben, dass die Schweiz zur Kolonialzeit lediglich eine <a href=\"https:\/\/www.izfg.unibe.ch\/e85925\/e85980\/e780808\/e780810\/Eine_Bestandesaufnahme_der_postkoloniale_ger.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">passive Rolle<\/a> gespielt hat, und so scheint es, als h\u00e4tte sich die Schweiz nie an der Konstruktion eines rassistischen Menschenbildes beteiligt. Doch in dieser Annahme liegt auch die grundlegende Problematik der Schweizer Rassismus-Debatte. Denn was vermeintlich nie stattgefunden hat, erfordert auch keine Aufarbeitung. Eine Vermeidungsstrategie, deren Folgen bis in die Gegenwart zu sp\u00fcren sind. So n\u00e4hrt sich der Rassismus heutzutage vor allem am Schweigen, Kleinreden und Negieren.\n\nRassismus ist als buntes Kaleidoskop von Erscheinungen zu verstehen. Manche Vorf\u00e4lle sind deutlich sichtbar, andere verschwommener und weniger klar einzusch\u00e4tzen. Der letzte <a href=\"https:\/\/www.edi.admin.ch\/dam\/edi\/de\/dokumente\/FRB\/Neue%20Website%20FRB\/Monitoring%20und%20Berichterstattung\/Bericht\/FRB%20Bericht%202018.pdf.download.pdf\/Rassistische-Diskriminierung%202018_de_WEB.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">Bericht<\/a> der Schweizer Fachstelle f\u00fcr Rassismusbek\u00e4mpfung beschreibt, wie jede dritte Person zwischen 2013 und 2018 Diskriminierung aufgrund von Sprache, Hautfarbe oder Nationalit\u00e4t erlebt hat. Ereignisse k\u00f6nnen von Diskriminierungen bei der Arbeits- und Wohnungssuche oder bei Polizeikontrollen bis hin zu rassistisch motivierten Beleidigungen und Gewalttaten reichen. W\u00e4hrend letzteres auf Einzelpersonen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, veranschaulichen die Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie erh\u00f6hte Polizeikontrollen gegen Schwarze und PoC den <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/media\/pdf\/7a\/cd\/e7\/oa9783839441459.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">strukturellen Rassismus<\/a>. Es ist dieses strukturelle \u00abothering\u00bb, die Ausgrenzung und Zuschreibung von Minderwertigkeit, welche Diskriminierungsformen stark pr\u00e4gt. Schwarze und PoC werden auch in der Schweiz h\u00e4ufig mit <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/media\/pdf\/7a\/cd\/e7\/oa9783839441459.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">Eigenschaften<\/a> wie \u00abfremd\u00bb, \u00abprimitiv\u00bb oder \u00abbedrohlich\u00bb assoziiert. Dies veranschaulichen alleine schon Kinderspiele wie \u00abDe schwarzi Peter\u00bb oder \u00abWer het Angst vom schwarze Mah?\u00bb. Alltagsrassismus ist das Endergebnis eines strukturellen Konzeptes, welches in der gesellschaftlichen Mitte stattfindet. Es handelt sich hierbei nicht um Einzelf\u00e4lle oder schlechte \u00c4pfel, denn Rassismus findet nie im Vakuum statt. Vielmehr weist es auf ein internalisiertes Denkmuster hin, das tief im postkolonialen Ged\u00e4chtnis der Gesellschaft verankert ist. Bedauerlicherweise werden Menschen, die auf Diskriminierung hinweisen, oftmals als <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/media\/pdf\/7a\/cd\/e7\/oa9783839441459.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">emotional und \u00fcberdramatisch<\/a> empfunden. Gleichzeitig werden Rassismusvorw\u00fcrfe und Fehltritte oft hartn\u00e4ckig <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/media\/pdf\/7a\/cd\/e7\/oa9783839441459.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">vereint<\/a>. Die Banalisierung des Ph\u00e4nomens sowie die vehementen Abwehrmechanismen erschweren zweifelsohne die Ver\u00e4nderung des Status quo. Wie sieht also eine nachhaltige L\u00f6sung der Problematik, auch nach der Abschw\u00e4chung der digitalen Solidarit\u00e4tswelle, aus? Hier einige L\u00f6sungsans\u00e4tze:\n<ul>\n \t<li><strong>Informierter Dialog:<\/strong> Als erstes muss ein informierter Dialog stattfinden \u2013 nicht \u00fcber, sondern mit Schwarzen und PoC. Die Gesellschaft sollte sich bewusst mit der kolonialen Vergangenheit der Schweiz auseinandersetzen, um ein erweitertes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr gegenw\u00e4rtige Diskriminierungsformen zu erhalten. Zugleich sollte den unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen von Betroffenen mehr Geh\u00f6r verschafft werden, da es sich, wie bei allen Minderheiten, nie um eine homogene Gruppe mit einer einheitlichen Stimme handelt. Die folgenden Seiten bieten eine erste Anlaufstelle, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen:\n<ul>\n \t<li><a href=\"http:\/\/www.sosrassismus.ch\" rel=\"nofollow noopener\">SOS Rassismus &amp; Diskriminierung Schweiz<\/a><\/li>\n \t<li><a href=\"https:\/\/migrant-solidarity-network.ch\/ueber-uns\/\" rel=\"nofollow noopener\">Migrant Solidarity Network <\/a><\/li>\n \t<li><a href=\"https:\/\/mirsindvoda.ch\" rel=\"nofollow noopener\">VO DA.<\/a><\/li>\n \t<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/NetzwerkBlackShe\/posts\/blash-black-she-ist-ein-netzwerk-von-schwarzen-frauen-in-der-deutschschweiz-wir-\/1611182142545710\/\" rel=\"nofollow noopener\">Sh<\/a><\/li>\n \t<li><a href=\"http:\/\/www.stop-racial-profiling.ch\/de\/allianz\/\" rel=\"nofollow noopener\">Allianz Gegen Racial Profiling<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n \t<li><strong>Selbstreflektion:<\/strong> Ein rassistisches System wird von uns allen getragen, und somit ist die Hinterfragung der eigenen Handlungen erforderlich, um das rassistische Gedankengut zu dekonstruieren. Was trage ich zu der aktuellen Situation bei? Wo h\u00e4tte ich mehr Zivilcourage zeigen m\u00fcssen? Wann bin ich selber zum T\u00e4ter oder zur T\u00e4terin geworden?<\/li>\n \t<li><strong>Diversit\u00e4t:<\/strong> Rund 40 Prozent der Schweizer Bev\u00f6lkerung hat einen <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bevoelkerung\/migration-integration\/nach-migrationsstatuts.html\" rel=\"nofollow noopener\">Migrationshintergrund<\/a>. Diese Realit\u00e4t ist jedoch selten in der Politik oder in den Medien abgebildet. Folglich braucht es mehr Repr\u00e4sentation in den Medien und in der Politik, die \u00fcber die Erreichung einer Quote und stereotypische Klischees hinaus reichen.<\/li>\n<\/ul>\nLetztendlich ist es wichtig, zu verstehen, dass die Aufhebung eines solch eingebetteten Konzeptes keineswegs von einem Tag auf den anderen erfolgt. Jede und jeder ist gefragt, Farbe zu bekennen, um das Problem des Rassismus in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen, anstatt es zu ersticken.\n\n&nbsp;\n\nPhoto by <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@louishansel?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" rel=\"nofollow noopener\">Louis Hansel @shotsoflouis<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\" rel=\"nofollow noopener\">Unsplash<\/a>\n","protected":false},"featured_media":65508,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-80138","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/65508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80138"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80138"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}