{"id":80196,"date":"2021-06-15T16:25:57","date_gmt":"2021-06-15T14:25:57","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/wir-befinden-uns-zwischen-hammer-und-amboss-interview-mit-corinne-fleischer\/"},"modified":"2026-05-27T11:21:53","modified_gmt":"2026-05-27T09:21:53","slug":"wir-befinden-uns-zwischen-hammer-und-amboss-interview-mit-corinne-fleischer","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/wir-befinden-uns-zwischen-hammer-und-amboss-interview-mit-corinne-fleischer\/","title":{"rendered":"\u00abWir befinden uns zwischen Hammer und Amboss\u00bb: Interview mit Corinne Fleischer."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>Anl\u00e4sslich des 75-j\u00e4hrigen Bestehens der UNO ver\u00f6ffentlicht der forausblog zusammen mit der\u00a0<\/i><a href=\"https:\/\/www.schweiz-uno.ch\/\" rel=\"nofollow noopener\"><i>Gesellschaft Schweiz-ONU (GSUN)<\/i><\/a><i>\u00a0und\u00a0<\/i><a href=\"https:\/\/www.cinfo.ch\/de\" rel=\"nofollow noopener\"><i>cinfo<\/i><\/a><i>\u00a0eine Blogserie \u00fcber Schweizer Stimmen des Multilateralismus. Mit Interviews, die von jungen Autoren gef\u00fchrt werden, will der forausblog den Schweizerinnen und Schweizern, die im Kontakt mit der UNO-Welt stehen, eine Stimme geben.<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Corinne Fleischer ist die Direktorin des UNO-Weltern\u00e4hrungsprogramm f\u00fcr den Nahen Osten und Nordafrika \u2013 ein Interview.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>Lukas Plattner: <\/b><i>K\u00f6nnen Sie sich kurz vorstellen und uns schildern, wie Sie zur Direktorin des UNO-Weltern\u00e4hrungsprogramms f\u00fcr den Nahen Osten und Nordafrika wurden?<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><b>Corinne Fleischer:<\/b> In Winterthur geboren und aufgewachsen, habe ich mich f\u00fcr ein Studium in Genf entschieden. Ein paar Jahre nach dem Studium habe ich meine humanit\u00e4re Karriere beim IKRK begonnen. F\u00fcr das IKRK war ich im Sudan t\u00e4tig, bevor ich meinem Mann, der f\u00fcr die deutsche Entwicklungshilfe gearbeitet hat, nach \u00c4thiopien gefolgt bin. In \u00c4thiopien habe ich zuerst ein Architekturb\u00fcro aufgebaut und mich dann der UNO angeschlossen. Nach und nach bin ich dann in verschiedenen Funktionen auch international f\u00fcr die UNO t\u00e4tig geworden: im Bereich der Logistik, des Einkaufs, des <i>Fundrisings<\/i> und schliesslich auch aktiv in den Operationen des Weltern\u00e4hrungsprogramms (WFP). Diese T\u00e4tigkeiten haben mich von \u00c4thiopien in den Sudan gef\u00fchrt, anschliessend ins Regionalb\u00fcro nach Asien, von dort in unser Hauptquartier nach Rom und dann nach Syrien, wo ich f\u00fcr zwei Jahre als Vertreterin des WFP t\u00e4tig war. Und nun bin ich in Kairo und bin zust\u00e4ndig f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten des WFP im Nahen Osten und in Nordafrika.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>In Ihrer Karriere im Bereich des Multilateralismus haben Sie sicher viel erlebt. Was war Ihr eindr\u00fccklichstes Erlebnis?<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal habe ich einen Konvoi geleitet, um ein Vertriebenencamp in S\u00fcdosten von Syrien zu versorgen. Damals waren an die 20&rsquo;000 Leute auf der Flucht vor ISIS von Syrien nach Jordanien, als die Grenze zu Jordanien geschlossen wurde. Die Leute waren eingeschlossen, sie konnten weder nach Jordanien noch zur\u00fcck in ihre Heimat. Um dieses Camp zu erreichen, mussten wir Kontrollgebiete von verschiedenen lokalen und internationalen Parteien durchqueren, was sehr viel Verhandlungsgeschick erforderte. Als wir schliesslich mitten in der W\u00fcste unser Lager aufschlagen konnten, wurden wir zwei Mal von hungernden Leuten angegriffen, welche die Nahrungsmittel rauben wollten und uns zur Flucht zwangen. Als wir zur\u00fcckkehrten, begann eine Schiesserei und wir mussten uns definitiv zur\u00fcckziehen. Die Sicherheit war ein Aspekt, die Armut und die Verzweiflung der Menschen ein anderer. Die Menschen vor Ort waren in der W\u00fcste isoliert und hatten keinen Ausweg. Wir waren die ersten neutralen Menschen, mit welchen sie sprechen konnten. Wir waren ein Art Lichtblick. Es war sehr eindr\u00fccklich zu sehen, wie sich die UNO-Mitarbeiter*innen jeder einzelnen Person angenommen haben und versucht haben, deren Schicksal zu lindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>Was macht eigentlich das WFP?<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Ziel ist eine Welt ohne Hunger. Um das zu erreichen, hat das WFP ein doppeltes Mandat: <i>saving lives<\/i> und <i>changing lives<\/i> \u2013 <i>Leben retten<\/i> und <i>Leben ver\u00e4ndern<\/i>. Unsere Hauptaufgabe ist es, Hilfe zu leisten bei Hungersn\u00f6ten durch Kriege und Naturkatastrophen, aber auch als Folge von Pandemien. Unter dem Einfluss der Covid-19-Pandemie verschlechtert sich die weltweite Situation kontinuierlich. Noch vor einem Jahr waren 135 Millionen Menschen stark von Ern\u00e4hrungsunsicherheit betroffen. Nur in einem Jahr hat sich diese Zahl verdoppelt. Davon sind 34 Millionen Menschen fast am Verhungern. Insgesamt leiden 800 Millionen Leute weltweit an Ern\u00e4hrungsunsicherheit. Wir versuchen auch mit Nahrungsmittelhilfen Leuten wieder auf die Beine zu helfen, damit sie sich in Zukunft alleine versorgen k\u00f6nnen. Das ist das <i>changing lives-<\/i>Mandat. In Syrien, Jemen und im subsaharischen Afrika helfen wir zum Beispiel Kleinbauern mehr anzubauen, um die Bev\u00f6lkerung in Zukunft besser versorgen zu k\u00f6nnen. Und wir bieten Essen an Schulen an, damit Kinder in die Schule kommen und so besser f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet sind. Wir helfen auch Regierungen Sozialdienste aufzubauen und zu verbessern. Letztes Jahr hat das WFP den Friedensnobelpreis als Anerkennung f\u00fcr seine Arbeit im Kampf gegen die Instrumentalisierung von Hunger in Konflikten erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>Sie haben selbst mehrere Jahre f\u00fcr die UNO in Syrien gearbeitet und die Situation vor Ort miterleben k\u00f6nnen. Was hat Sie am meisten ersch\u00fcttert? Hat die UNO in Syrien versagt?<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Syrer*innen sind elf Jahre durch diesen Konflikt gegangen und haben die Hoffnung nie aufgegeben. Sie haben immer daran geglaubt, dass sie eines Tages ihr Land und ihr Leben wieder aufbauen k\u00f6nnen. Das Traurige ist, dass nun die Wirtschaft komplett am Boden liegt. Obwohl viele Gebiete Syriens wieder einigermassen an Stabilit\u00e4t gewonnen haben, haben die Syrer*innen die Hoffnung aufgegeben und sehen keine Zukunft mehr f\u00fcr ihre Kinder. Die Syrer*innen, inklusive unsere Mitarbeitenden gehen langsam, aber sicher in die Knie. Hat die UNO versagt? Die Politik hat versagt. Die Syrer*innen leiden seit Jahren und es herrscht ein komplettes diplomatisches Vakuum in Syrien. Keine Regierung spricht wirklich mit der syrischen Regierung. Die einzige Organisation, die das macht, ist die UNO. Und wir befinden uns zwischen Hammer und Amboss. Die Regierung h\u00e4lt uns als voreingenommen, da wir nur die Interessen der Spenderstaaten vertreten w\u00fcrden und gewisse Geldgeber*innen werfen uns vor, zu eng mit der syrischen Regierung zu kooperieren. Aber diese Vorw\u00fcrfe sind f\u00fcr mich ein Zeichen, dass wir unsere Arbeit richtig machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><i>Was geben Sie jungen Leuten mit auf den Weg, welche sich\u00a0f\u00fcr eine Karriere bei der UNO interessieren?<\/i><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geht ins Feld! Bleibt nicht in den Hauptquartieren, dort k\u00f6nnt ihr die Arbeit der UNO nie richtig verstehen. An der <i>front line \u2013 <\/i>an vorderster Front &#8211; lernt man extrem viel und macht sich Freunde f\u00fcrs Leben. Sowas erlebt man in den Hauptquartieren nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cover picture: Corinne Fleischer<\/p>\n","protected":false},"featured_media":68726,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-80196","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80196","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80196"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80196"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}