{"id":80434,"date":"2026-01-29T12:19:20","date_gmt":"2026-01-29T11:19:20","guid":{"rendered":"https:\/\/foraus.ch\/blog-post\/made-in-eu-wie-schweizer-unternehmen-aussen-vor-bleiben-koennten\/"},"modified":"2026-06-01T16:45:25","modified_gmt":"2026-06-01T14:45:25","slug":"made-in-eu-wie-schweizer-unternehmen-aussen-vor-bleiben-koennten","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/blog-post\/made-in-eu-wie-schweizer-unternehmen-aussen-vor-bleiben-koennten\/","title":{"rendered":"Made in EU \u2013 wie Schweizer Unternehmen aussen vor bleiben k\u00f6nnten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die EU r\u00fcstet auf \u2013 nicht nur milit\u00e4risch, sondern auch \u00f6konomisch. Experten sprechen von einer \u201e<a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/europe\/european-union-geoeconomic-revolution\" rel=\"nofollow noopener\">geo\u00f6konomischen Revolution<\/a>\u201c. Lieferketten werden gepr\u00fcft, Investitionen in und aus der EU kontrolliert und \u00fcberm\u00e4ssig subventionierte Importe sollen mit Strafz\u00f6llen belegt werden. Die Absicht dahinter: Die EU-L\u00e4nder sollen reindustrialisiert werden. Laut einem <a href=\"https:\/\/cdn.table.media\/assets\/industrial-accelerator-leak.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><\/a> erwartet die EU-Kommission, dass bis 2030 mindestens 20 Prozent des EU-BIP aus interner Produktion stammen. 2024 waren es rund 14 Prozent (siehe Grafik).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/foraus.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Unbenannt-1-300x226.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-60835\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Abbildung 1: Weltbank<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein in der Schweiz bisher weitgehend \u00fcbersehener Aspekt (<a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2025\/06\/30\/buy-european-die-eu-schottet-sich-ab\" rel=\"nofollow noopener\">Ausnahme hier<\/a>) sind Local-Content-Regeln (LCR). Sie gewinnen in der EU zunehmend an Bedeutung und schreiben vor, dass Unternehmen f\u00fcr Produkte einen bestimmten Anteil an Materialien, Arbeitskr\u00e4ften oder Dienstleistungen aus der EU beziehen m\u00fcssen. Hinter dem Ansatz der Kommission stecken folgende \u00dcberlegungen: Die EU kann mit den Subventionen Chinas oder der USA nicht konkurrieren. Zudem werden in vielen grossen L\u00e4ndern <a href=\"https:\/\/strategicperspectives.eu\/the-case-for-european-preference-in-strategic-sectors\/\" rel=\"nofollow noopener\"><\/a>Mit eigenen LCR will die EU gezielt Investitionen, insbesondere in gr\u00fcne Technologien, im Binnenmarkt st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrere EU-Gesetzesentw\u00fcfe der Kommission setzen diese Absichten um:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der <span>k\u00fcrzlich<\/span> <a href=\"https:\/\/cdn.table.media\/assets\/industrial-accelerator-leak.pdf\" rel=\"nofollow noopener\">geleakte \u00abIndustrial Accelerator Act<\/a>\u00bb (Gesetz) verlangt bei \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4gen und staatlichen F\u00f6rderprogrammen einen Mindestanteil an EU-Produkten, vor allem bei gr\u00fcnem Stahl und in der Autoindustrie. Zudem w\u00e4re es ausl\u00e4ndischen Investoren untersagt, mehr als 49 Prozent eines EU-Unternehmens zu besitzen, das in kritischen Sektoren wie Batterieherstellung oder Automobilindustrie t\u00e4tig ist. Das Paket wird aktuell verhandelt. Mit einer Ver\u00f6ffentlichung des Gesetzes wird Ende Februar gerechnet. Ob die Schweiz davon betroffen ist, wird sich zeigen. Der Entwurf enth\u00e4lt Formulierungen, nach denen Drittstaaten mit einem offenen \u00f6ffentlichen Beschaffungswesen von den Vorgaben ausgenommen werden k\u00f6nnten. Ob das bestehende bilaterale Abkommen der EU mit der Schweiz zum \u00f6ffentlichen Beschaffungswesen die Vorgaben erf\u00fcllt, ist derzeit offen.<\/li>\n\n\n\n<li>Das <a href=\"https:\/\/transport.ec.europa.eu\/transport-themes\/action-plan-future-automotive-sector\/automotive-package_en\" rel=\"nofollow noopener\">EU-Automobilpaket schreibt vor<\/a>, dass bis 2035 90 Prozent der CO\u2082-Emissionen von Fahrzeugen reduziert werden m\u00fcssen. Die verbleibenden zehn Prozent k\u00f6nnen nur durch EU-Niedrigemissionsstahl oder EU-Biokraftstoffe kompensiert werden. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte f\u00fcr grosse Unternehmen eine Verpflichtung eingef\u00fchrt werden, ihre Fahrzeugflotten weiter zu dekarbonisieren und bevorzugt Fahrzeuge aus EU-Produktion einzusetzen. Das Paket wird derzeit vom EU-Parlament und den Mitgliedstaaten diskutiert. Bestandteil des Pakets sind auch Massnahmen zur F\u00f6rderung einer Batterie-Lieferkette (f\u00fcr E-Autos) in der EU, daf\u00fcr stehen 1,6 Milliarden Euro zur Verf\u00fcgung. Erg\u00e4nzend sieht das Paket sogenannte Supercredits vor, mit denen kleine und kosteng\u00fcnstige E-Autos \u00abMade in EU\u00bb gezielt unterst\u00fctzt werden sollen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der <a href=\"https:\/\/single-market-economy.ec.europa.eu\/industry\/sustainability\/net-zero-industry-act_en\" rel=\"nofollow noopener\">Net-Zero Industry Act<\/a> (Gesetz) unterst\u00fctzt gezielt die Herstellung klimaneutraler Technologien in der EU und schreibt vor, dass Lieferketten nicht mehr als 50 Prozent aus einem einzelnen Drittstaat beziehen d\u00fcrfen. Bei \u00f6ffentlichen Ausschreibungen erhalten EU-Technologien Vorrang. Bis 2030 soll mindestens 40 Prozent des j\u00e4hrlichen EU-Bedarfs an gr\u00fcner Technologie durch EU-Produktion gedeckt werden. Das Gesetz ist bereits in Kraft und k\u00f6nnte die Schweizer Industrie vor erhebliche Herausforderungen stellen.<\/li>\n\n\n\n<li>Weiter zu nennen w\u00e4ren noch der <a href=\"https:\/\/health.ec.europa.eu\/medicinal-products\/legal-framework-governing-medicinal-products-human-use-eu\/critical-medicines-act_en\" rel=\"nofollow noopener\">Critical Medicines Act<\/a> (mehr Medikamente aus der EU) oder der <a href=\"https:\/\/single-market-economy.ec.europa.eu\/sectors\/raw-materials\/areas-specific-interest\/critical-raw-materials\/critical-raw-materials-act_en\" rel=\"nofollow noopener\">Critical Raw Material Act<\/a> (Seltene Erden sollen vermehrt in der EU verarbeitet werden)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und das ist erst der Anfang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was k\u00fcnftig \u00abMade in EU\u00bb bedeutet, ist unklar. Es fehlen noch die Anh\u00e4nge zu Gesetzen, die die Vorgaben definieren. Zudem haben einige Mitgliedstaaten die definitorischen Vorgaben noch nicht umgesetzt. Die Grundidee ist jedoch einfach: Wo Gelder aus der EU oder den Mitgliedstaaten fliessen, soll auch die EU profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Br\u00fcssel wird momentan hinter den Kulissen um die Umsetzung gerungen. Wie WTO-konform die Ausgestaltung wird, ist noch nicht abzusehen. St\u00e9phane S\u00e9journ\u00e9 <span>(FR)<\/span> <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/b0200e50-dd3a-4e9e-8908-40ead49e7daa\" rel=\"nofollow noopener\">setzt sich f\u00fcr besonders restriktive Regeln ein<\/a>. Der Kommissions-Vizepr\u00e4sident f\u00fcr Wohlstand und Industriestrategie gilt innerhalb der EU-Kommission als sehr einflussreich. Diese Vorschriften k\u00f6nnten dazu f\u00fchren, dass beispielsweise Anbieter aus der Schweiz faktisch keinen Zugang mehr zu europ\u00e4ischen \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4gen erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese w\u00e4ren ein bedeutender Hebel: Sie machen 14 bis 16 Prozent des EU-BIP aus, rund 1,9 bis 2,5 Billionen Euro. Staatliche F\u00f6rderprogramme sind darin noch nicht eingerechnet. Deutschland etwa startet <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/6ce89cf8-83fd-4e05-ae14-8a396df07df0\" rel=\"nofollow noopener\">ein 3 Milliarden Euro schweres F\u00f6rderprogramm f\u00fcr Elektrofahrzeuge<\/a>, das bis heute noch chinesische Autohersteller einbezieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werden weiter strategische Sektoren wie Batterien, Cleantech oder Halbleiter, in die viel privat investiert wird, weitereinbezogen, k\u00f6nnten sehr grob gesch\u00e4tzt 40 bis 50 Prozent der EU-Produktion von LCR betroffen sein. Die Schweiz ist zwar nicht das Hauptziel, k\u00f6nnte aber dennoch ausgeschlossen werden. Die hiesige MEM-Industrie <a href=\"https:\/\/www.s-ge.com\/de\/publication\/factsheet\/maschinen-elektro-und-metallindustrie-schweiz\" rel=\"nofollow noopener\">liefert rund 60 Prozent der Exporte<\/a> in die EU. Von ihr sind 300\u2019000 Besch\u00e4ftigte im Inland abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Strenge LCR in der EU h\u00e4tten wohl fatale Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Schweiz. Das Thema ist kein Bestandteil des neuen Vertragspaket zwischen der Schweiz und der EU.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Fazit aus der <a href=\"https:\/\/www.newsd.admin.ch\/newsd\/message\/attachments\/87750.pdf\" rel=\"nofollow noopener\"><span>SECO-Studie 2024<\/span><\/a> zum Einfluss der Industriepolitik auf die Schweiz ist bemerkenswert: Der erwartete Wohlfahrtsverlust durch internationale industriepolitische Massnahmen betr\u00e4gt lediglich 0,06 Prozent des Schweizer BIP. Die meisten Schweizer Unternehmen bleiben laut Studie zuversichtlich. Die Autoren der Studie gehen jedoch davon aus, dass die EU kaum LCR einf\u00fchrt und Schweizer Produkte weiterhin Zugang zum EU-Binnenmarkt haben (Seite 19). Angesichts der aktuellen Entwicklungen erscheinen diese Annahmen inzwischen fragw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein <a href=\"https:\/\/www.epis-thinktank.com\/publications\/when-the-eu-tests-the-limits-of-the-eea\" rel=\"nofollow noopener\">Fallbeispiel, was der Schweiz drohen k\u00f6nnte<\/a>, sind die im November 2025 von der EU verh\u00e4ngten Schutzmassnahmen wie Einfuhrbeschr\u00e4nkungen und Z\u00f6lle auf Ferrolegierungen. Sie sind wichtig f\u00fcr die Stahlproduktion. Norwegen und Island sind davon betroffen, obwohl beide EWR-Mitglieder sind. Ein Beispiel daf\u00fcr, dass die geo\u00f6konomische Revolution der EU auch vor verb\u00fcndeten Staaten nicht Halt macht.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":68897,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"archive-status":[],"region":[],"custom-themes":[],"class_list":["post-80434","blog-post","type-blog-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post\/80434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/blog-post"}],"about":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog-post"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"archive-status","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/archive-status?post=80434"},{"taxonomy":"region","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/region?post=80434"},{"taxonomy":"custom-themes","embeddable":true,"href":"https:\/\/foraus.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/custom-themes?post=80434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}