Guter Zug, schlechte Karten: Wieso für die Schweiz trotz Punktsieg im EU-Börsenstreit die Stunde der Wahrheit schlägt

Im bisherigen Streit um die Börsenäquivalenz hat die Schweiz in den Augen vieler als gewiefter David gegen einen übermächtigen Goliath geglänzt. Anders als in Legenden ist es mit einem Steinwurf aber nicht getan. Die Schweiz täte besser mit offenem Visier anzutreten und für sich zu klären, wie sie im Verhältnis zu Europa stehen will – bereits am 27. September folgt die nächste Probe aufs Exempel. 

Punktsieg in der ersten Runde

Seit dem 30. Juni 2019 untersagt die Europäische Kommission europäischen Händlern und Anlegern, am Börsenplatz Schweiz Aktien zu kaufen oder verkaufen. Vordergründig geht es dabei um den Schutz der 2018 verschärften Finanzregularien (MiFID II); konkret war es ein Warnschuss an die Schweiz, mit dem Rahmenabkommen ihre Beziehung zur EU neu aufzugleisen. Der Bundesrat reagierte am Folgetag postwendend. Aus seinem Handelsverbot für Schweizer Aktien auf Auslandsbörsen entstand abseits des Verhandlungspokers die heutige Pattsituation an der Börse: Aktieninteressenten aus der EU müssen die Schweiz umschiffen, obwohl Schweizer Aktien an EU-Börsen nicht mehr zugelassen sind.

Börsenunternehmen und Makler*innen in der Schweiz konnten sich vorerst freuen: das erste Ergebnis war eine Verschiebung der Handelsaktivität nach Zürich, zumindest bei Titeln grosser Firmen. Bei KMU-Aktien hingegen stiegen laut US-Wirtschriftenhändler Virtu Financial  die Handelskosten zwischenzeitlich um 20% auf den beobachteten Börsen und Handelsplätzen, was auf Eiszeitstimmung in diesem Marktsegment schliessen liess. 

Bedeutender ist die beeindruckende Zunahme des nicht-regulierten «Schattenhandels» auf den sogenannten Over-The-Counter (OTC) Plätzen. Obwohl diese Handelsform schon seit Jahren wächst, ist der Umsatz in den von der SIX Group beobachteten «Dark Books» ab Juli 2019 gerade von ca. 2,5 Mia. CHF im Vormonat auf über 8 Mia. CHF explodiert (siehe Grafik).

Related topics