In der Kontaktgruppe werden Kekse herumgereicht, die Delegierten sollen aufstehen und sich strecken. Wie so oft an der COP17 wird bis tief in die Nacht um einzelne Wörter gerungen. Denn welche Formulierung im Text landet, entscheidet darüber, wie viel Gewicht ein Beschluss hat. Vom 19.-31. Oktober verhandelten in der armenischen Hauptstadt die 196 Vertragsparteien des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) zur Umsetzung des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal.
Ernüchternde Bilanz, schwache Antwort
Der erste Global Report zeigt: Die Welt liegt bei 22 der 23 Biodiversitätsziele im Rückstand. Indikatoren zeigen häufiger negative als positive Trends. Die Treiber des Biodiversitätsverlusts werden in den nationalen Plänen am wenigsten beachtet. Als Antwort verabschiedeten die Staaten den Yerevan Pathway, einen Fahrplan zur Beschleunigung der Umsetzung. Er nennt vier Prioritäten: schädliche Subventionen reformieren, Entwicklungsländer unterstützen, nationale Budgets an den Zielen ausrichten und Fortschritte enger überwachen.
Die ambitioniertesten Formulierungen überlebten die Verhandlungen nicht. Ein Aufruf zur Transformation der Wirtschafts- und Finanzsysteme wurde abgeschwächt, und die Reform von Subventionen wird lediglich «ermutigt». Je konkreter die CBD wird, desto stärker berührt sie reale Interessen. Auf allgemeine Bekenntnisse zum Naturschutz kann man sich leicht einigen. Formulierungen, die Ursachen, Verantwortlichkeiten oder Geld benennen, stossen dagegen auf Widerstand. Eine kleine Gruppe von Staaten nutzt das Konsensprinzip, um Fortschritte zu blockieren. Auch früher vereinbarte Formulierungen werden infrage gestellt.
Es fehlt an Geld
Bis 2030 sollen jährlich 200 Milliarden US-Dollar für die Biodiversität mobilisiert werden, zuletzt waren es 75 bis 92 Milliarden US-Dollar. Auch bei ihrer Zusage, Entwicklungsländern bis 2025 jährlich 20 Milliarden US-Dollar bereitzustellen, liegen die Industrieländer zurück. Ausgerechnet beim Ziel, schädliche Subventionen bis 2030 um 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu senken, liegen die Staaten am weitesten zurück. CBD-Exekutivsekretärin Astrid Schomaker brachte es auf den Punkt: Man könne die Natur nicht schützen und gleichzeitig ihre Zerstörung finanzieren.
Der Cali Fund, in den Unternehmen für die Nutzung genetischer Daten aus der Natur einzahlen sollen, zeigt die Grenzen der Freiwilligkeit. In fast zwei Jahren kamen USD 10’000 zusammen, bei einem Ziel von 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr. Die meisten offenen Finanzfragen wurden auf die COP18 2028 vertagt.
Wissenschaft unter Druck
Auch die Wissenschaft geriet unter Druck. Argentinien, Saudi-Arabien und Russland versuchten, Verweise auf den Weltbiodiversitätsrat (IPBES) in den Texten abzuschwächen. Dank einer Koalition, zu der auch die Schweiz gehörte, wurden die Zusammenfassungen der beiden zentralen IPBES-Berichte zum Nexus und zum transformativen Wandel schlussendlich doch «begrüsst». Im Text zu Biodiversität und Klimawandel wurde der Verweis auf den Bericht zum transformativen Wandel allerdings gestrichen. Ein ähnlicher Druck zeigt sich beim Weltklimarat.
Die Schweiz muss im Inland liefern
Die Schweiz trat in Jerewan engagiert auf. Sie setzte sich für einen konkreten Global Review, eine breitere Geberbasis und die Wissenschaft ein. Doch es zeigte sich ein Widerspruch: fortschrittliche Positionen international, mangelnde Umsetzung zu Hause. Die Schweiz erreicht nur eines der zehn Ziele ihrer Biodiversitätsstrategie vollständig, die meisten verfehlt sie ganz oder teilweise, während weiterhin Milliarden Franken in biodiversitätsschädigende Subventionen fliessen. Zudem beantragte der Bundesrat für die globalen Umweltfonds CHF 21,5 Millionen weniger als in der letzten Periode.
Als wichtiger Finanz- und Rohstoffhandelsplatz und als Standort zahlreicher global tätiger Unternehmen ist die Schweiz eng mit den Treibern des Biodiversitätsverlusts verknüpft. Umso mehr muss sie ihren internationalen Verpflichtungen Taten folgen lassen. Möglichkeiten, Pionierarbeit zu leisten, gibt es einige. So kann sie den Abbau biodiversitätsschädigender Subventionen vorantreiben, ihre Beiträge an die globalen Umweltfonds konstant halten und Vorschläge zur Ausgestaltung der Finanzierung nach 2030 einbringen. Sie kann sich für innovative Ansätze einsetzen, welche die Natur in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Zudem kann sie transparente Finanzierungsmodelle mit hoher Integrität entwickeln, die private Gelder als zusätzliche Ressource mobilisieren.
Um ihre Glaubwürdigkeit und ihre Rolle als Brückenbauerin und Fürsprecherin für die Wissenschaft zu wahren, sollte die Schweiz entsprechend für die eigene Biodiversität handeln. Die Umsetzung der Phase II des Aktionsplans der Strategie Biodiversität Schweiz (2025 bis 2030) bleibt eine grosse Herausforderung, da Zielkonflikte mit den Interessen der Nahrungsmittelproduktion, der Siedlungsentwicklung, der Wirtschaft und des Tourismus bestehen.
Vom Globalen ins Lokale
Trotzdem ist die COP17 ein Schritt nach vorne. Zwei Wochen lang kamen zentrale Akteur:innen zusammen, knüpften Kontakte, schlossen Vereinbarungen ab und trugen die Biodiversität in den globalen Diskurs. Mit 49 verabschiedeten Beschlüssen stellte die COP17 einen Rekord für eine Biodiversitätskonferenz auf. Ein Zeichen, dass der Multilateralismus funktioniert.
Entscheidend ist aber, die globalen Ziele in lokales Handeln zu übersetzen. Die CBD fordert zunehmend einen gesamtstaatlichen und gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Indigene Völker, Frauen, Jugend, Städte und der Privatsektor werden ausdrücklich als «significant opportunity» für die Umsetzung anerkannt. Dass wir es schaffen, unsere Abhängigkeit von der Natur anzuerkennen und in unsere Wirtschafts- und Kultursysteme einzubinden, wird darüber entscheiden, ob wir die Lebensgrundlage des Planeten erhalten können.
UN Biodiversity Conference COP17: Functioning Process, Limited Substance
Biscuits are passed around the contact group, and delegates are asked to stand up and stretch. As so often at COP17, negotiators wrestle over individual words late into the night, because the wording that ends up in the text determines how much weight a decision carries. From 19 to 31 October, the 196 Parties to the Convention on Biological Diversity (CBD) met in the Armenian capital to negotiate progress on the Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework.
A sobering assessment, a weak response
The first Global Report shows that the world is lagging behind on 22 of the 23 biodiversity targets. Indicators show negative trends more often than positive ones. The drivers of biodiversity loss receive the least attention in national plans. In response, countries adopted the Yerevan Pathway, a roadmap to accelerate implementation. It sets out four priorities: reforming harmful subsidies, supporting developing countries, aligning national budgets with the targets and monitoring progress more closely.The most ambitious language did not survive the negotiations. A call to transform economic and financial systems was weakened, and subsidy reform is merely ‘encouraged’. The more concrete the CBD becomes, the more it touches on real interests. General commitments to protecting nature are easy to agree on. Wording that names causes, responsibilities or money, by contrast, meets resistance. A small group of states is using the consensus rule to block progress. Even previously agreed language is being called into question.
Not enough money
By 2030, USD 200 billion per year is to be mobilised for biodiversity; most recently, it was USD 75 to 92 billion per year. Developed countries are also lagging behind on their pledge to provide developing countries with USD 20 billion per year by 2025. Countries are furthest behind on the target of reducing harmful subsidies by USD 500 billion per year by 2030. CBD Executive Secretary Astrid Schomaker summed it up: you cannot protect nature while financing its destruction.
The Cali Fund, into which companies are expected to pay for the use of genetic data from nature, shows the limits of voluntary approaches. In almost two years, it has raised USD 10,000, against a target of USD 1 billion per year. Most outstanding finance questions were postponed to COP18 in 2028.
Science under pressure
Science, too, came under pressure. Argentina, Saudi Arabia and Russia sought to water down references to the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) in the texts. Thanks to a coalition that included Switzerland, the summaries of the two key IPBES assessments on the nexus and on transformative change were ultimately ‘welcomed’ after all. In the text on biodiversity and climate change, however, the reference to the transformative change assessment was deleted. Similar pressure is being exerted on the Intergovernmental Panel on Climate Change.
Switzerland must deliver at home
Switzerland was actively engaged in Yerevan. It advocated for a concrete Global Review, a broader donor base and science. Yet a contradiction became apparent: progressive positions internationally, insufficient implementation at home. Switzerland fully meets only one of the ten targets of its Biodiversity Strategy and misses most of them entirely or in part, while billions of francs continue to flow into subsidies that harm biodiversity. In addition, the Federal Council has requested CHF 21.5 million less for the global environmental funds than in the previous period.
As a major hub for finance and commodity trading, and as home to numerous globally active companies, Switzerland is closely linked to the drivers of biodiversity loss. All the more reason for it to back its international commitments with action. There are several ways in which it can take a pioneering role. It can push ahead with phasing out subsidies that harm biodiversity, keep its contributions to the global environmental funds stable, and put forward proposals on how finance should be structured after 2030. It can champion innovative approaches that integrate nature into decision-making. It can also develop transparent, high-integrity financing models that mobilise private capital as an additional resource.
To preserve its credibility and its role as a bridge-builder and advocate for science, Switzerland should act accordingly on its own biodiversity. Implementing Phase II of the Action Plan for the Swiss Biodiversity Strategy (2025 to 2030) remains a major challenge, given the trade-offs with the interests of food production, urban development, the economy and tourism.
From global to local
Nevertheless, COP17 is a step forward. For two weeks, key actors came together, built networks, struck agreements and brought biodiversity into the global discourse. With 49 decisions adopted, COP17 set a record for a biodiversity conference. A sign that multilateralism works.
What matters most, however, is translating global targets into local action. The CBD is increasingly calling for a whole-of-government and whole-of-society approach. Indigenous peoples, women, youth, cities and the private sector are explicitly acknowledged as a «significant opportunity» for implementation. Whether we manage to recognise our dependence on nature and embed it in our economic and cultural systems will determine whether we can preserve the foundations of life on this planet.
