Von David Suter – Schwedische Aktivisten «bombardieren» Weissrussland mit Teddybären. Ihre Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten erzürnen Lukaschenko. Er tobt, schliesst die schwedische Botschaft und lädt die Aktivisten unter der Androhung von Gulag vor.
Obwohl der skurrile Fall die internationale Presse eher belustigt als schockiert, ist er symptomatisch für die Tendenz, auch «Informationen» als solche einer völkerrechtlichen Regelung zu unterwerfen.
Russland bildet die Speerspitze dieser Bewegung. Es initiierte 1998 eine Serie jährlicher Resolutionen der UNO-Generalversammlung mit dem Titel «Entwicklungen auf dem Gebiet von Information und Telekommunikation im Kontext von internationaler Sicherheit». Diese Resolutionen laden die Staaten dazu ein, grundlegende Begriffsdefinitionen im Bereich «Informationssicherheit» vorzuschlagen. Russland ergriff die Initiative und erklärte der Staatenwelt, was unter «Informationssicherheit», «Informationswaffe» und «Informationskrieg» zu verstehen sei. Russlands Position wird unter anderem von Weissrussland, Syrien und China unterstützt.
Westliche Beobachter aufgepasst!
In einem NZZ-Gastkommentar wurden diese Begrifflichkeiten kritik- und vorbehaltlos übernommen. Denn die Autoren setzten intuitiv «Informationen» gleich mit «Informationstechnologie» und legten infolge das derart verkürzte Verständnis dieser Begriffe ihren Ausführungen zum Thema «Cyberwar» zugrunde. Die Stossrichtung der UNO-Resolutionen ist jedoch erheblich breiter als ein nur technisch verstandener «Cyberwar». Eine Analyse der russischen Eingaben schafft Klarheit:
- Informationssicherheit: Zustand in den internationalen Beziehungen, der die Verletzung der internationalen Stabilität und die Begründung einer Gefahr für die Sicherheit eines Staates und der internationalen Gemeinschaft im Informationsbereich ausschliesst; Kommentar: Informationen über die innerstaatliche Menschenrechtssituation, die Diskriminierung von Minderheiten oder über Korruption gefährden natürlich die Sicherheit eines autokratischen Staates.
- Informationswaffe: Mittel und Methoden, die benutzt werden, um die Informationsressourcen, Prozesse und Systeme eines anderen Staates zu beschädigen; Gebrauch von Informationen zum Schaden des Verteidigungs-, Verwaltungs-, politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder anderen vitalen Systems sowie die Massen-Manipulation der Bevölkerung eines Staates mit dem Ziel, die Gesellschaft und den Staat zu destabilisieren; Kommentar: Nach dieser Definition ist jegliche Information, die Missstände aufzeigt und deshalb die Bevölkerung zu recht aufweckt, eine «Waffe».
- Bedrohung der Informationssicherheit: Mittel zur Verbreitung von Desinformation oder das Errichten eines virtuellen Bildes im Informationsbereich, das die Realität teilweise oder total verzerrt; Mittel zur Einflussnahme auf den menschlichen Verstand und das Unterbewusstsein, um eine Desorientierung, den Verlust der Handlungsfähigkeit oder temporäre Destabilisierung zu verursachen. Kommentar: Was genau eine «Realitätsverzerrung» ist, wird national definiert. In Autokratien sind dies Informationen, die von denen der gleichgeschalteten Presse abweichen.
- Informationskrieg: Die Konfrontation zwischen zwei und mehr Staaten im Informations-Raum gerichtet auf, […]eine Untergrabung des politische, wirtschaftliche und soziale Systems sowie auf massenpsychologische Gehirnwäsche [sic!], um die Gesellschaft und den Staat zu destabilisieren. Kommentar: Hier wird eine gewöhnliche Meinungsdifferenz zum «Krieg» hochstilisiert, mit unabsehbaren völkerrechtlichen Konsequenzen!